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Hippokrates Wochenende – Alma Mater Europaea Salzburg

Von Dr. med. Hans Barop | 17.August 2015

Auf Einladung des Präsidenten der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste Prof. Dr. Dr. h. c. Felix Unger fand vom 19. – 20.6.2015 ein Symposium für Akupunkteure, Neuraltherapeuten und Neurophysiologen in der Alma Mater Europaea in Salzburg statt.

Der Titel des Treffens war:

„Trauma, Inflammation und Regulation in Akupunktur und Neuraltherapie“

Unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Felix Unger, Dr. Rainer Stange, Präsident des ZAEN (Zentralverband der Ärzte für Naturheilverfahren und Regulationsmedizin e.V.) und Dr. Wolfram Stöhr, 1. Vorsitzender der DÄGFA (Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur e.V.), hielten die Referenten Vorträge zu folgenden Themen:

Prof. H. G. Schaible, Jena: Nociception und Inflammation – Auslösung     und Hemmung durch lokale Traumata aus Sicht der Neurophysiologie

Dr. Th. Ots, Graz: Klassische Akupunktur im Lichte der      Segmentanatomie

Prof. G. Burnstock, Universität London: “Purinergic signalling in      acupuncture”

PD Ph. Lirk, Universität Amsterdam: Molekulare Wirkmechanismen      der Lokalanästhetika

Prof. L. Fischer, Universität Bern: Neuroregulation als möglicher      Primäreffekt der Neuraltherapie

Prof. J. Giebel, Universität Greifswald: Topische Aspekte der Procain-     Wirkung

 

 

Salzburg.  JFL Photography/www.fotolia.com

Ziel des Treffens war es, eine Verbindung zwischen den empirisch entwickelten Therapieverfahren Akupunktur und Neuraltherapie sowie der heutigen Neurophysiologie zu erstellen. Darüber hinaus sollte der Versuch unternommen werden, die pathophysiologischen Mechanismen der Entzündung und des Schmerzes mit den therapeutischen Beobachtungen beider Therapien in Einklang zu bringen und zu diskutieren. Zum ersten Mal gelang es dabei, einen Zusammenhang zwischen experimenteller Neurophysiologie, Neuraltherapie und Akupunktur herzustellen, sodass ein bidirektionaler Austausch stattfinden konnte. Wie zu erwarten zeigten sich sehr viele Ähnlichkeiten beider Behandlungsverfahren:

Der Reiz des Nadelstichs löst bereits zwei unterschiedliche Reaktionen aus:

  1. die direkte Nervenreizung des afferenten und efferenten Systems mit einer über das vegetative Nervensystem laufenden Reaktion
  2. die verletzungsbedingte Freisetzung von Mediatoren (u.a. Entzündungsmediatoren) aus dem Gewebe, die eine länger anhaltende reflektorische Antwort induziert

 

Im Falle der Neuraltherapie kommt noch die medikamentöse Wirkung hinzu. Sie besteht aus

- der Lokalanästhesie von afferenten wie efferenten Nervenstrukturen,

- einer Wirkung an den Zellen, die vom Lokalanästhetikum und

- im Falle des Procains zusätzlich von den Spaltprodukten DEAE      (Diäthylaminoäthanol) und PABA (Paraaminobenzoesäure) erreicht      wird.

 

Die Diskussion, wie vergleichbare therapeutische Ergebnisse (Akupunktur und Neuraltherapie) durch eine Reizung mit der Akupunkturnadel und die Reizlöschung durch die Neuraltherapie zustande kommen, gelang durch die neurophysiologischen Vorträge von Prof. Schaible, Prof. Burnstock und PD Lirk. Im Endeffekt führen die Wirkmechanismen über das Zusammenspiel von mechanischen und chemischen Reizen am vegetativen Nervensystem zu einer nachvollziehbaren segmentalen und zentralen Reizantwort, sodass eine Unterbrechung des bestehenden reflektorischen Entzündungsvorgangs möglich wird. Die zentrale Schmerzwahrnehmung ist ein zusätzlicher Faktor: Sie ist dem regionalen Entzündungsvorgang nachgeschaltet und führt über den Abbau der Entzündung zu einer Normalisierung des Gewebes.

Die anhaltende therapeutische Wirkung, die in der Persistenz der Normalisierung besteht, ist möglicherweise auf die regionale Reizung der Gefäßdilatatoren zurückzuführen, sodass eine Verbesserung der Mikrozirkulation stattfindet. Diese Annahme wurde durch den Vortrag von Prof. Giebel bestätigt, der den Nachweis von cholinergen (parasympathischen) gefäßdilatatorischen Nerven führte. Die erhöhte Mikrozirkulation ist ein physiologischer Mechanismus, der dem Organismus unter anderem zur Regeneration oder Wundheilung zur Verfügung steht. Dieser Mechanismus scheint bei der Akupunktur und noch deutlicher durch die Neuraltherapie über das Spaltprodukt des Procains DEAE ausgelöst zu werden.

Als Zusammenfassung aller Vorträge sind die folgenden Aussagen abschließend als wesentliche Resultate des Treffens hervorzuheben:

  1. Die Informationsübertragung vom Nervensystem, speziell dem Vegetativum, zur Zelle kann bidirektional bis auf die molekulare Ebene als experimentell gesichert gelten.
  2. Die Wirkmechanismen der Akupunktur und Neuraltherapie sind aus neurophysiologischer Sicht in wesentlichen Anteilen erklärbar.
  3. Die Nomenklatur der chinesischen Darstellung der Wirkmechanismen der Akupunktur ist mithilfe der Neuroanatomie und Neurophysiolgie gut zu übersetzen. Sie passt in die Theorien der westlichen Medizin.
  4. Die unterschiedlichen Wirkungen der Lokalanästhetika (side effect) außerhalb der Lokalanästhesie können als experimentell gesichert gelten.
  5. Die experimentelle Neurophysiologie des vegetativen Nervensystems wird der weitere Weg sein, um die Anwendung von Lokalanästhetika zur Therapie wissenschaftlich zu belegen.
  6. Der Begriff Regulationsmedizin erhält durch die Akupunktur und die Neuraltherapie eine besondere Bedeutung im Vergleich zu anderen Therapieregimen, die als eigenständige Therapiekonzepte bewertet werden. Dies ist insbesondere auch auf die wiederholt kurzfristige Anwendung und langfristige Wirkung von Lokalanästhetika im Rahmen der Neuraltherapie zurückzuführen.
  7. Hieraus entstehen aus wissenschaftlicher Sicht breit aufgestellte Untersuchungsoptionen zur Bestätigung und Klärung der Wirkmechanismen von Akupunktur und Neuraltherapie bei unterschiedlichen Erkrankungen.
  8. Im Vortrag von Prof. Giebel wurde der Nachweis parasympathischer (sympathisch cholinerger) Nervenfasern in der Haut und den Spinalganglien im Verbund mit den Gefäßen geführt. Diese bislang wenig beachtete Gegebenheit bestätigt alte anatomische Veröffentlichungen, die von einer generellen cholinergen Versorgung der Gefäße als Vasodilatatoren ausgehen. Die Vasodilatation ist u.a. im Rahmen der Mikrozirkulation und damit der Regeneration von Bedeutung, insbesondere beim Abbau von Entzündungsprozessen und im Schmerzgeschehen. Sie scheint durch Akupunktur und Neuraltherapie induziert und anschließend autoregulativ durch den Organismus selbst bis zur „Heilung“ fortgesetzt zu werden.

 

Alles in Allem war es für alle Beteiligten eine sehr interessante Tagung, in der es ausreichend Zeit gab, das Gehörte mit allen Kollegen ausgiebig zu diskutieren.

Mit herzlichem Dank an die Veranstalter für die gelungene Tagung,

Ihr Dr. Hans Barop

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