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Neuraltherapie: Interview mit Prof. Dr. Jürgen Giebel, Universität Greifswald

Von Claus Fritzsche | 28.Februar 2010

Prof. Dr. Jürgen Giebel ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Anatomie und Zellbiologie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Nach Zwischenstationen in Mikrobiologie (Diplomarbeit)  und Pharmakologie (Promotion) landete der Diplom-Biologe mit einem Faible für Morphologie in der Anatomie. Jürgen Giebel interessiert sich schon seit vielen Jahren für die Neuraltherapie und organisiert zusammen mit der IGNH und anderen Gesellschaften am Institut für Anatomie und Zellbiologie regelmäßig Seminare, in denen es unter anderem um die therapeutischen Möglichkeiten des Einsatzes von Lokalanästhetika wie Procain geht. Seit kurzem ist der Fachanatom Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Internationalen medizinischen Gesellschaft für Neuraltherapie nach Huneke – Regulationstherapie – e.V. (IGNH). Im folgenden Interview erläutert Prof. Dr. Jürgen Giebel u.a., welchen Hintergrund sein Engagement für die Neuraltherapie hat.

Foto: Prof. Jürgen Giebel vor der zugefrorenen Ostsee (Februar 2010)

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Herr Prof. Giebel, Sie wirken seit nunmehr 17 Jahren als Forscher und Fachanatom an der Universität Greifswald. Was hat Sie von der Lehre vom Aufbau der Organismen hin zur Lehre Ferdinand Hunekes geführt?

Prof. Dr. Jürgen Giebel: Zunächst einmal gibt es hier an unserem Institut seit 1998 ein Curriculum „Anatomie und Schmerz“, das in diesem Jahr zum 13. Mal stattfindet und vom Schmerztherapeuten Dr. med. Uwe Preuße ins Leben gerufen wurde, der auch Neuraltherapeut ist. Vor neun Jahren kam dann Maik Huneke, der Sohn von Dr. med. Jürgen Huneke, an das Institut und hat hier famuliert. Durch ihn und auch als Patient habe ich die Neuraltherapie kennengelernt und bin von ihr seitdem nicht mehr losgekommen.

Was hat sich aus diesen ersten Kontakten heraus entwickelt?

Prof. Dr. Jürgen Giebel: Die Neuraltherapie hat mich schon fasziniert. Als Patient habe ich sie nach anfänglichen großen Berührungsängsten zu schätzen gelernt. Als Anatom interessieren mich Aspekte wie die Wechselwirkung zwischen Bindegewebe, vegetativem Nervensystem und dem Epithelgewebe.  Darüber hinaus gibt es ja Indizien für eine maßgebliche Beteiligung des Bindegewebes bzw. der sog. extrazellulären Matrix an vielen Erkrankungen. Auf dieser Arbeitshypothese basiert die Neuraltherapie in der Form, wie sie heute z. B. an der Universität Bern unter Prof. Dr. med. Lorenz Fischer erforscht und gelehrt wird. Was ursprünglich einmal mit persönlichen Kontakten zu Neuraltherapeuten und eigenen Patientenerfahrungen begann, setzte sich später in Seminaren fort, die nun schon seit vielen Jahren gemeinsam mit der IGNH in Greifswald veranstaltet werden.

Warum hatten Sie zu Beginn Berührungsängste?

Prof. Dr. Jürgen Giebel: Zunächst einmal ist die Behandlung nicht ganz schmerzfrei. Weiter gibt es in der Neuraltherapie ein breites Spektrum an Injektionstechniken. Das reicht von den einfachen Quaddeln, wobei Procain mit einer dünnen Kanüle knapp unter die Oberfläche der Haut gespritzt wird, bis hin zu Injektionen z.B. tief in das Gesicht oder den Bauchraum hinein, welche nur erfahrenen Ärzten vorbehalten sind. Speziell Tiefeninjektionen mit beeindruckend langen Nadeln empfand ich zu Beginn als sehr befremdend. Das liegt nicht nur an der tiefen Lage der infiltrierten Strukturen (Ganglien), sondern an der Vielzahl von Nerven und Gefäßen, die in der Nähe liegen. Meine große Skepsis ist jedoch gewichen, nachdem ich mehrere neuraltherapeutische Veranstaltungen besucht habe und mich hier von sehr erfahrenen Neuraltherapeuten (u.a. Dr. med. Hans Barop sowie Dr. med. Armin Reimers, mit denen ich mittlerweile einen engen Kontakt pflege) habe behandeln lassen und der therapeutische Erfolg dieser Injektionen sehr groß war.

Wurde Ihr Interesse in erster Linie durch die Erfahrungen als Patient geweckt?

Prof. Dr. Jürgen Giebel: Ja, das kann man so sagen. Als mir das Konzept der Neuraltherapie zum ersten Mal „theoretisch“ vorgestellt wurde, war ich zunächst sehr skeptisch. Der hohe Nutzen der Neuraltherapie überzeugte mich erst, als ich sie über einen längeren Zeitraum mehrfach mit guten Resultaten ausprobierte.

Ich hatte vor 9 Jahren schwere Kniebeschwerden nach Fußballspielen und erhielt zunächst die Diagnose „wahrscheinlich Meniskusschaden oder Verletzung des Knorpelgewebes“. Bevor es zu einer Röntgenaufnahme kam, gab mir Dr. med. Jürgen Huneke nach manueller Untersuchung meines Knies damals mehrere Procain-Injektionen an die Lendenwirbelsäule und das Sakroiliakalgelenk – also weit entfernt vom Ort meiner Beschwerden – und der Knieschmerz verschwand innerhalb von 2 Tagen so, dass mir dies als „spektakulär“ in Erinnerung blieb. Diesen Effekt hatte ich nicht erwartet und er war ein Auslöser, mich intensiver mit der Frage nach dem „Warum?“ zu beschäftigen.

Die Neuraltherapie ist nach meiner Einschätzung kein Allheilmittel. Bei spezifischen Indikationen hat mich das Konzept jedoch voll überzeugt und ich hätte mich ohne positive Erfahrungen auch nicht über Jahre hinweg für diese von der Schulmedizin bisher nicht anerkannte Therapieform engagiert.

Sie sind seit kurzem Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der IGNH? Welche Pläne haben Sie?

Prof. Dr. Jürgen Giebel: Es gibt Wissenschaftliche Beiräte, die eine eher repräsentative Funktion haben – also der Imagepflege dienen. Und es gibt Wissenschaftliche Beiräte, die schwerpunktmäßig praktisch tätig sind. Mich interessiert diese zweite Variante. Bei der Neuraltherapie werden häufig Injektionen an ganz bestimmte Punkte gesetzt. Vor allem an Ganglien, die Ansammlungen von Nervenzellkörpern darstellen und an Nervenaustrittspunkte. Viele Therapeuten wissen jedoch nicht exakt, was an diesen Punkten genau im Körper passiert. Anatomisches Wissen ist hier von sehr großer Bedeutung, gerade auch, um Komplikationen zu vermeiden und es ist mein Anliegen, mein Wissen als Fachanatom in die Arbeit der IGNH einzubringen.

Geht es Ihnen auch um Forschung?

Prof. Dr. Jürgen Giebel: Ja, zumindest indirekt, da ich selbst keine Forschungen zur Neuraltherapie durchführe. Allerdings kann ich durch Literaturrecherchen versuchen, neue Erkenntnisse zur Wirkweise der Neuraltherapie beizusteuern. Neuraltherapeuten gehen davon aus, dass es Wechselwirkungen zwischen Störfeldern im Körper – z. B. nicht voll ausgeheilte Narben – und Krankheiten gibt. Aus Sicht der Neuraltherapie kann ein „Störfeld“ z.B. eine Migräne auslösen und über viele Jahre hinweg unterhalten. Da fragt man sich natürlich: Wie kann das sein?

Und es gibt tatsächlich wissenschaftliche Untersuchungen, die auf genau solche Zusammenhänge hinweisen. Man weiß heute z. B., dass es Projektionen vom Ischiasnerv (Gesäßregion) oder von Nerven innerer Organe zu bestimmten Kerngebieten des  Trigeminusnervs im Gesichtsbereich gibt. Des Weiteren bestehen auf Hirnstammebene Verschaltungen zwischen der Halswirbelsäule und dem Nervus trigeminus. Aus Sicht der (Neuro)-Anatomie gibt es viele Zusammenhänge, die in wissenschaftlichen Datenbanken aktiv zu suchen und für den Anwendungskontext „Neuraltherapie“ aufzubereiten sind.

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia beschreibt die Neuraltherapie sinngemäß als quasi nutzloses Therapieverfahren mit hohem Risiko. Wie schätzen Sie den Wikipedia-Artikel ein?

Prof. Dr. Jürgen Giebel: Ich habe mir im Internet etliche Seiten zur Neuraltherapie und ihrer Nebenwirkungen angesehen. Die meisten schreiben sehr positiv über diese Methode. Der Wikipedia-Artikel ist nicht die einzige aber eine der wenigen Quellen, in denen explizit darauf hingewiesen wird, dass „es seit Anwendung der Neuraltherapie immer wieder zu tödlichen Zwischenfällen kommt.“

Diese Aussage wird durch aktuelle Veröffentlichungen nicht belegt und ist so sicherlich nicht richtig und nach heutigen Erkenntnissen nicht mehr aufrecht zu erhalten. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass ein hochaktueller, im Auftrag des Bundesamts für Gesundheit (BAG) der Schweiz erstellter Health-Technology-Assessment-Bericht vorliegt. Diese bisher umfassendste wissenschaftliche Untersuchung und Bewertung der Neuraltherapie sieht den Nachweis für die Wirksamkeit der Neuraltherapie durch „eine große Zahl publizierter Einzelfallkasuistiken und durch verschiedene klinische Studien“ erbracht.

Zu den Risiken heißt es in diesem HTA: „Bei der Neuraltherapie nach Huneke treten – wie auch die tägliche Erfahrung zeigt – praktisch keine Nebenwirkungen auf.“ Das Schweizer HTA wurde übrigens in Zusammenarbeit mit einem Lenkungsausschuss, einer Expertengruppe und einem international besetzten Reviewboard erstellt. Ich denke, das spricht für sich.

Herr Prof. Giebel, vielen Dank für dieses Gespräch.

(Das Interview führte Claus Fritzsche.)

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„Tödliche Zwischenfälle“?

Auf die Risiken der Neuraltherapie sowie eine irreführende Zitierung von Irmgard Oepen (Neuraltherapie- „Zauberspritze“ oder diagnostisch-therapeutische Lokalanästhesie? in: Außenseitermethoden in der Medizin. Ursprünge, Gefahren, Konsequenzen. – Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1986) geht der folgende Blogbeitrag ausführlich ein:

Dr. med. Hans Barop: Wikipedia-Kritik: Neuraltherapie wird sachlich falsch und tendenziös dargestellt

Ein informativer Vergleich zu den Risiken durch Arzneimittel in Relation zu den Risiken der Neuraltherapie findet sich in folgendem Interview mit dem Präsidenten der Internationalen medizinischen Gesellschaft für Neuraltherapie nach Huneke Regulationstherapie e.V. (IGNH):

Interview mit Dr. med. Jürgen W. Rehder, Vorstand der IGNH

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Links zum Thema:

Skript „Extrazelluläre Matrix und Bedeutung der Grundregulation“ von Prof. Dr. rer. med. Jürgen Giebel

6. Seminar „Neuraltherapie nach Huneke“ vom 26. – 28. Februar 2010 an der Universität Greifswald

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3 Kommentare to “Neuraltherapie: Interview mit Prof. Dr. Jürgen Giebel, Universität Greifswald”

  1. IGNH: 52 Jahre Neuraltherapie. Interview mit Dr. med. Jürgen W. Rehder, Vorstand der Internationalen medizinischen Gesellschaft für Neuraltherapie e.V. | Neuraltherapie.Blog schreibt:
    24th.März 2010 um 13:11

    [...] Jürgen Rehder: Ja, wir arbeiten schon seit vielen Jahren mit Prof. Dr. Jürgen Giebel vom Institut für Anatomie und Zellbiologie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald [...]

  2. Die Neuraltherapie-Ausbildung der IGNH: Qualifikation als Voraussetzung für den therapeutischen Erfolg | Neuraltherapie.Blog schreibt:
    28th.Mai 2010 um 12:03

    [...] Neuraltherapie: Interview mit Prof. Dr. Jürgen Giebel, Universität Greifswald [...]

  3. Migräne heilen mittels Neuraltherapie: Erfahrungen und Studienlage. Interview mit Dr. med. Hagen Huneke. | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    18th.September 2010 um 10:44

    [...] 17 Jahren als Forscher und Fachanatom an der Universität Greifswald tätig) Anfang des Jahres in einem Interview. Ein Teil der Neuraltherapie (die Segmenttherapie) ist unter der Bezeichnung diagnostische und [...]

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