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IGNH: 52 Jahre Neuraltherapie. Interview mit Dr. med. Jürgen W. Rehder, Vorstand der Internationalen medizinischen Gesellschaft für Neuraltherapie e.V.

Von Claus Fritzsche | 24.März 2010

Die Ärztevereinigung IGNH e.V. wurde 1958 gegründet, um die Neuraltherapie nach Huneke zu erforschen, zu lehren und um sie zu verbreiten. Dies geschieht seitdem regelmäßig auf den Kongressen für Naturheilverfahren des Zentralverbandes der Ärzte für Naturheilverfahren (ZAEN) sowie innerhalb der Ärztegesellschaft für Erfahrungsheilkunde (EHK) in Baden-Baden, deren Mitglied die IGNH ist. Präsident des rund 1.200 Mitglieder starken Vereins ist der Arzt Dr. med. Jürgen W. Rehder. Im folgenden Interview erläutert Herr Rehder, wie die IGNH entstanden ist und welche Schwerpunkte der Verein heute hat.



Herr Dr. Rehder, Sie sind Vorstand einer Ärztevereinigung, die sich der Förderung der Neuraltherapie verschrieben hat. Was genau verbirgt sich hinter dem Kürzel IGNH?

Dr. Jürgen Rehder: Die Abkürzung steht für Internationale medizinische Gesellschaft für Neuraltherapie nach Huneke Regulationstherapie e.V. Der Verein wurde 1958 von den Brüdern Huneke gegründet, um einen Beitrag zur Verbreitung der Neuraltherapie zu leisten. Für Laien ganz kurz erklärt: Die Neuraltherapie nach Huneke ist eine Regulationstherapie, die zur Erzielung ihrer Heilwirkung Lokalanästhetika wie Procain einsetzt. Sie verbindet Elemente der Naturheilkunde (das Prinzip der Selbstregulation) und der Schulmedizin (Einsatz eines Pharmakons).

Versteht sich die IGNH als Testamentsvollstrecker der Brüder Huneke?

Dr. Jürgen Rehder: So könnte man es ausdrücken. Die IGNH setzt in gewisser Hinsicht das fort, was ursprünglich einmal 1925 mit einer zufälligen Entdeckung begann. Damals injizierte Ferdinand Huneke seiner an chronischer Migräne leidenden Schwester ein procainhaltiges Antirheumatikum (Atofanyl) versehentlich intravenös statt intramuskulär.

Die Injektion sollte die Schmerzen seiner Schwester lindern, führte jedoch zu einer schlagartigen und bleibenden Heilwirkung. In den folgenden Jahrzehnten erforschten die Brüder Ferdinand und Walter Huneke dieses Phänomen und entwickelten daraus die Neuraltherapie nach Huneke. In seinem Testament wünschte sich Ferdinand Huneke später die weitere Verbreitung der Neuraltherapie. Und genau diesem Ziel dient die IGNH.

Was hat sich seit Gründung der IGNH 1958 getan?

Dr. Jürgen Rehder: Die Neuraltherapie hat sich in den letzten über fünfzig Jahren weltweit in vielen Ländern verbreitet und Schritt für Schritt etabliert. In Europa ist die Neuraltherapie speziell in Holland, Belgien, Österreich und der Schweiz weit verbreitet. Auch die Türkische Ärztegesellschaft für Neuraltherapie nach Huneke ist unter Leitung ihres Präsidenten Prof. Dr. med. Nazlikul Hüseyin sehr aktiv. Und in Amerika hat Dr. med. Armin Reimers, Präsident der Mexikanischen Gesellschaft für Neuraltherapie erfolgreich zur Verbreitung der Neuraltherapie in Südamerika beigetragen.

Dank dieses ursprünglich einmal von der IGNH initiierten Engagements erhielten weltweit zigtausend Patienten – z. B. mit austherapierten chronischen Erkrankungen – eine neue therapeutische Option, um wieder gesund werden zu können.

Wo liegt heute der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Dr. Jürgen Rehder: Unser Fokus liegt schon seit vielen Jahren in den Bereichen Ausbildung und Qualitätssicherung. Durch die wissenschaftliche Vorarbeit von Dr. med. Hans Barop haben wir ein ausgefeiltes Kurssystem für Ärzte, die unsere Therapie anwenden wollen. Dr. med. Hans Barop sowie Prof. Dr. med. Lorenz Fischer von der Universität Bern ist es zu verdanken, dass die Neuraltherpaie heute international nach vergleichbaren Standards gelehrt und praktiziert wird. An der Kollegialen Instanz für Komplementärmedizin (KIKOM) der Universität Bern ist die Neuraltherapie inzwischen sogar Pflichtfach für Medizinstudenten.

Obwohl die Neuraltherapie in Deutschland entwickelt wurde, besteht hierzulande noch keine Ausbildungsmöglichkeit an Universitäten oder Krankenhäusern. Die Ausbildung erfolgt aus diesem Grund durch spezialisierte Gesellschaften in Form von Kursen, Seminaren, Vorträgen und ein großes Literaturangebot. Als IGNH engagieren wir uns hier sehr stark, um einheitliche und hohe Qualitätsstandards zu sichern. Nur hoch qualifizierte und erfahrene Neuraltherapeuten gewährleisten die Heilerfolge, von denen die weitere Verbreitung dieser Therapie letztendlich abhängt.

Was raten Sie Patienten, die einen qualifizierten Neuraltherapeuten suchen?

Dr. Jürgen Rehder: Auf der IGNH-Webseite www.neuraltherapie-online.de finden Patienten eine Ärztesuche, die qualifizierte Neuraltherapeuten z. B. nach Bundesland, Postleitzahl oder Ort auflistet. Diese Datenbank gibt für alle gelisteten Ärztinnen und Ärzte an, welche Ausbildungsstufe erfolgreich abgeschlossen wurde. Wir unterscheiden hier zwischen Stufe 1 (zertifizierter Neuraltherapeut), Stufe 2 (Ausbildungsassistent) und der höchsten Stufe 3 (Ausbildungsleiter). Speziell Ausbildungsleiter werden seitens der IGNH fortlaufend mit großem Aufwand geschult und weitergebildet.

Ist die IGNH auch im Hochschulbereich aktiv?

Dr. Jürgen Rehder: Ja, wir arbeiten schon seit vielen Jahren mit Prof. Dr. Jürgen Giebel vom Institut für Anatomie und Zellbiologie der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald zusammen, den Sie kürzlich interviewt haben. Ende Februar fand an der Uni Greifswald das inzwischen schon 6. Seminar „Neuraltherapie nach Huneke“ statt. Prof. Giebel ist ein erfahrener Fachanatom, dessen Wissen für uns von sehr großem Wert ist.

Neuland betreten wir demnächst an der Berliner Charité. Durch die Kontakte von Dr. Barbara Doll und Dr. med. Hans Barop ist eine gute Beziehung zur Charité Ambulanz für Prävention und Integrative Medizin (CHAMP) entstanden. Prof. Stefan Willich, der Gründer und Direktor der CHAMP, hat Frau Dr. Doll und Herrn Dr. med. Barop darum gebeten, einen qualifizierten Neuraltherapeuten zu finden. Ist diese Stelle besetzt, so wird die Neuraltherapie in Deutschland erstmals an einer hochschulnahen Forschungseinrichtung wissenschaftlich erforscht. Und zwar auf der Grundlage der CHAMP-Philosophie, Brücken zwischen Praxis und Wissenschaft sowie zwischen moderner Hochschulmedizin und Komplementärmedizin zu bauen.

Im Internet finden sich einige Quellen, die der Neuraltherapie ein hohes Risiko nachsagen. Wie steht die IGNH zu diesen Aussagen?

Dr. Jürgen Rehder: Dr. med. Hans Barop hat diese Thematik bereits am 1. Februar 2010 in seinem Artikel zur Wikipedia-Kritik ausführlich dargestellt. Es ist grundsätzlich richtig, dass es vor 30 bis 50 Jahren eine Reihe von gefährlichen Komplikationen gab, die durch eine nicht fachgerechte Ausführung der Neuraltherapie – z. B. fehlerhafte Injektionstechniken – zu erklären sind, die mit der Neuraltherapie selbst jedoch nichts zu tun haben. Als Folge der in den letzten 20 Jahren etablierten hohen Ausbildungsstandards gibt es jedoch keine einzige dokumentierte Komplikation neueren Datums.

Geht es um die Einschätzung von Nutzen und Risiken der Neuraltherapie, so verweise ich gerne auf den 2005 im Auftrag des Schweizer Bundesamts für Gesundheit (BAG) publizierten Health Technology Assessment-Bericht zur Neuraltherapie. Der HTA-Bericht ist als gekürzte und als Vollversion öffentlich einsehbar. Auf Seite 13 der Vollversion heißt es u.a.:

„Bei der Neuraltherapie nach Huneke treten – wie auch die tägliche Erfahrung zeigt – praktisch keine Nebenwirkungen auf (Umfragen, Praxisdokumentationen). Komplikationen können auftreten bei fehlerhafter Technik oder wenn die Situationen, bei welchen die Neuraltherapie nicht durchgeführt werden darf, nicht berücksichtigt werden (z. B. blutverdünnende Medikamente).“

Vergleicht man dies mit den 58.000 Patienten, die laut Prof. Dr. Jürgen Fröhlich, Direktor der Abteilung für klinische Pharmakologie an der medizinischen Hochschule in Hannover, jährlich allein in den internistischen Abteilungen durch unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen ums Leben kommen, so relativiert sich die Kritik doch erheblich.

Herr Dr. Rehder, vielen Dank für dieses Gespräch.

Das Interview führte Claus Fritzsche, Redaktion Neuraltherapie.Blog.

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Links zum Thema:

Prof. Dr. Jürgen Giebel (Uni Greifswald) und seine Erfahrungen mit der Neuraltherapie

Was genau ist Neuraltherapie? Nutzen, Risiken und wissenschaftliche Bewertung. Interview mit Dr. Hahn-Godeffroy.

Über das Neuraltherapie.Blog: Wissenschaftlicher Beirat, Herausgeberin, Redaktion/Autoren

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Themen: Claus Fritzsche | 1 Kommentar »

Ein Kommentar to “IGNH: 52 Jahre Neuraltherapie. Interview mit Dr. med. Jürgen W. Rehder, Vorstand der Internationalen medizinischen Gesellschaft für Neuraltherapie e.V.”

  1. Die Neuraltherapie-Ausbildung der IGNH: Qualifikation als Voraussetzung für den therapeutischen Erfolg | Neuraltherapie.Blog schreibt:
    28th.Mai 2010 um 12:02

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