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Warum Procain? Neuraltherapie und die Funktion des Lokalanästhetikums (Teil 1)

Von Imke Plischko | 20.April 2010

Betrachtet man die Neuraltherapie aus der Perspektive der Pharmakologie, so überrascht das 1925 von Ferdinand Huneke entdeckte Therapiekonzept gleich durch zwei Besonderheiten: 1. Neuraltherapeuten setzen zwar ein Pharmakon ein. Sie führen jedoch keine medikamentöse Behandlung im klassischen Sinne durch. 2. Obwohl sie ein Lokalanästhetikum wie z. B. Procain injizieren, geht es ihnen nicht um die lokal betäubende Wirkung. Die zeitlich begrenzte Schmerzausschaltung ist in der Neuraltherapie eine Nebenwirkung ohne jede therapeutische Bedeutung. Ziel der Neuraltherapie ist es vielmehr, eine pathogene (Krankheiten erregende) Reizung des Sympathikus zu unterbrechen. Erfahren Sie nachfolgend, welche Funktion das Lokalanästhetikum in der Neuraltherapie hat.



Dieser Beitrag fasst u.a. Darstellungen von Dr. med. Hans Barop (→ „Lehrbuch und Atlas der Neuraltherapie nach Huneke“)  gekürzt und stark vereinfacht zusammen.

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Das vegetative Nervensystem

Ein zentrales Postulat der Neuraltherapie lautet: Fast jede Erkrankung verläuft unter wesentlicher Mitbeteiligung des vegetativen Nervensystems (speziell des Sympathikus). Dies gilt insbesondere für Entzündungen, Degeneration, Allergien und das Phänomen Schmerz. Auf der Internetseite der Praxis Dr. Jaschke findet sich diesbezüglich folgender wichtiger Hinweis:

„Der Pathologe Ricker beschrieb schon 1932 die Art und Weise, wie die kleinen Nervenfasern des Sympathikus, mit denen alle Arterien reichlich versorgt sind, auf den Blutfluss in den Gefäßen wirken. Ricker bewies die Abhängigkeit der Entstehung von Erkrankungen der Organe vom Reizzustand des Sympathikus. Er zeigte in seinen Experimenten, dass ein krankmachender Reiz, der zu Veränderungen in den Körpergeweben führt, primär nicht an der Zelle, sondern am Sympathikus ansetzt.“ (Quelle: Homepage Praxis Dr. Jaschke)

Das vegetative Nervensystem (VNS) steuert eine große Anzahl lebenswichtiger Körper- und Organfunktionen wie z. B. Atmung, Stoffwechsel, Verdauung oder Herzschlag. Der Pharmakologe und Facharzt für Innere Medizin Dr. med. Johann Diederich Hahn-Godeffroy bezeichnet das VNS als „hochvernetztes biokybernetisch arbeitendes Regulationssystem“, welches mithilfe der „Zügel“ Sympathikus und Parasympathikus sowie mittels Impulssteigerung oder Impulsdämpfung zur Erhaltung der Homöostase beiträgt. Nicht nur lebenserhaltende Körperfunktionen sondern auch krank machende (pathophysiologische) Vorgänge werden durch das VNS beeinflusst. Gustav Ricker, Wissenschaftler, Arzt und einer der bedeutendsten Pathologen seiner Zeit,  stellte schon in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts fest, dass das VNS (vor allem der Sympathikus) als reizübermittelndes und regulativ tätiges Nervensystem bei jedem pathophysiologischen Vorgang an erster Stelle beteiligt ist. Neuraltherapeuten nutzen diese Erkenntnis, indem sie Störungen der Sympathikusfunktion als Krankheitsursache erkennen und therapieren.

Wie kann man sich diesen Mechanismus konkret vorstellen? Im normalen Reizzustand regelt der Sympathikus die Gewebedurchblutung je nach Belastung automatisch, so dass die Zellfunktion und –erneuerung aufeinander abgestimmt und harmonisch ablaufen kann. Jeder zu starke Reiz am Sympathikus verändert dieses Gleichgewicht jedoch und beeinflusst besonders die Gewebedurchblutung. Bleibt es bei einem kurzfristigen Reiz, so kommt es zu keiner wesentlichen Störung der Durchblutung und damit auch nicht zu Störungen der Gewebefunktion sowie zu Krankheitszeichen. Bleibt der Reiz jedoch bestehen und kann er nicht abgebaut werden, dann treten je nach Lokalisation der Störung entsprechende Beschwerden und Krankheitssymptome auf.

Nehmen wir ein Beispiel: Bereits anhaltende kleinste Entzündungsreize führen zu vermehrter Sympathikuserregung und als Folge davon zu einer Gefäßengstellung, Verlangsamung der Durchblutung und damit zur Entzündung des Gewebes. Die damit verbundene Funktionsstörung und der daraus resultierende Reizzustand des vegetativen Nervensystems (des „erkrankten“ Gewebes) kann sich in fernabliegende Regionen des Körpers fortleiten und dort chronische Erkrankungen (Asthma, Migräne, Entzündungen, Organleiden, Neuralgien usw.) unterhalten. Gustav Ricker zeigte in Tierexperimenten, dass das VNS in diesem Zusammenhang wie ein „Speicher“ von Funktionsstörungen wirkt. Rickert sprach von der „Engrammierbarkeit“ des VNS. Mit diesem Begriff umschrieb er das Phänomen, dass zeitlich weit zurückliegende krank machende Reizungen des vegetativen Nervensystems in diesem gespeichert werden. Ist eine Erkrankung nun mit einer Störung der Sympathikusfunktion verbunden, so können die Symptome nur dann geheilt werden, wenn auch die Sympathikusfunktion normalisiert wird. Genau darum geht es in der Neuraltherapie.

Symptom und Sympathikusfunktion

Wer das Grundprinzip der Neuraltherapie verstehen will, der muss die Wechselbeziehung zwischen den Symptomen einer Erkrankung und einer gestörten Sympathikusfunktion erkennen. Es handelt sich hier quasi um ein „Doppelpack“, bei dem das Eine (Störung der Sympathikusfunktion) das Andere (Symptome der Erkrankung) bedingen kann. Aus Sicht der Neuraltherapie können Verletzungen (auch Operationen), Erkrankungen (Mandelentzüdungen, Lungenentzündungen, Nebenhöhlenentzündgen, Durchfall, usw.) ja sogar psychische Stressfaktoren wie z. B. emotionaler Schock die Sympathikusfunktion dauerhaft beeinträchtigen. Die gestörte Sympathikusfunktion wiederum beeinträchtigt anschließend die Regulationsfähigkeit des vegatativen Nervensystems und kann eine Erkrankung über viele Jahre hinweg „nähren“, auch wenn das Stress-Ereignis als Auslöser der Erkrankung schon lange zurückliegt. Dieser simple Mechanismus erklärt die aus Sicht der modernen Medizin unerklärlichen und verblüffenden Erfolge der Neuraltherapie. Wird der Sympathikus therapiert und geheilt, so verschwinden meist auch die durch seine Fehlfunktion ausgelösten Krankheitssymptome.

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Fortsetzung:

>>> Teil 2 dieser Serie finden Sie hier >>>

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Link zum Thema:

Migräne heilen mittels Neuraltherapie: Erfahrungen und Studienlage. Interview mit Dr. med. (I.) Hagen Huneke.

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Themen: Imke Plischko | 2 Kommentare »

2 Kommentare to “Warum Procain? Neuraltherapie und die Funktion des Lokalanästhetikums (Teil 1)”

  1. Migräne heilen mittels Neuraltherapie: Erfahrungen und Studienlage. Interview mit Dr. med. (I.) Hagen Huneke. | Neuraltherapie.Blog schreibt:
    14th.September 2010 um 11:13

    [...] Behandelt man nun solch eine chronisch entzündete Körperregion – z. B. eine nicht richtig ausgeheilte Narbe – mit Procain, so zeigt sich ein durchblutungsstärkender, entzündungshemmender und schmerzlindernder Effekt. Gleichzeitig wird die Fehlfunktion des VNS korrigiert. Es ist wieder in der Lage, seine ursprüngliche Regulationsfunktion voll auszuführen. Der hier wirksame Mechanismus – eine Übererregung des Sympathikus im Falle chronischer Entzündungen – war bereits Gegenstand eines Beitrags im Neuraltherapie.Blog: Warum Procain? Neuraltherapie und die Funktion des Lokalanästhetikums. [...]

  2. Neuraltherapie an der Universität Heidelberg (Forschung und Lehre) | Neuraltherapie.Blog schreibt:
    2nd.Februar 2011 um 10:28

    [...] Warum Procain? Neuraltherapie und die Funktion des Lokalanästhetikums (Teil 1) [...]

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