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Voll im Trend: „CAM-Bashing“ von Harro Albrecht in der ZEIT und von Sebastian Herrmann in der Süddeutschen Zeitung

Von Imke Plischko | 8.Oktober 2010

Die Karl und Veronica Carstens-Stiftung hat sich soeben der aktuellen Mode „CAM-Bashing“ (Complementary and Alternative Medicine = CAM) in einzelnen Medien angenommen. Sebastian Herrmann, Redaktion Wissen der Süddeutschen Zeitung, inszenierte am 31.08.2010 eine Räuberpistole über Hochschul-Esoterik, die sich zu 98 Prozent als Falschmeldung herausstellte (→ Viadrina: Komplementäre Medizin – „Immer mehr Spinner“). Bis auf Marco Bischof hat keiner der von Sebastian Herrmann genannten Dozenten etwas mit der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) zu tun. Herrmanns Stichwortgeber Florian Freistetter von ScienceBlogs.de publizierte bereits eine Fehlermeldung. Nur wenige Tage später folgte dann Harro Albrecht in der ZEIT („Medizinerausbildung – Wehe! Wehe!“) mit ähnlich hoher „Recherche-Qualität“. Sowohl Harro Albrecht als auch Sebastian Herrmann haben, das ist ungewöhnlich, weder systematisch und wissenschafts-konform recherchiert, noch die Objekte ihrer Show-Veranstaltungen zu Wort kommen lassen oder gar befragt. Sie muteten ihren Lesern eine Melange aus Halbwissen, Falschinformationen und persönlichen Vorurteilen zu.  Grund genug für die Carstens-Stiftung, sich auch einmal zu äußern – weniger emotional, dafür jedoch fachlich fundiert.



Stellungnahme der Karl und Veronica Carstens-Stiftung zum Artikel “Wehe! Wehe!” von Harro Albrecht (Die Zeit, Nr. 37, 09.09.2010)

Aber! Aber!

In den deutschen Leitmedien scheint es geradezu als schick zu gelten, Homöopathie, Akupunktur oder Ayurveda zu verteufeln. Während vom Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL die Homöopathie im Sommer noch als „Hokuspokus“ und „mystischer Käse“ abgetan wurde, bezeichnet die Wochenzeitung Die ZEIT die Komplementärmedizin nun als „magisch-mystische Lehre“, „Zauberkunst“ oder „Paramedizin“. Angesichts der Tatsache, dass die „mystische Lehre“ jetzt obendrein Einzug an deutschen Universitäten hält, kann ZEIT-Autor Harro Albrecht nur mahnen: „Wehe! Wehe!“ Wie gut waren doch die alten Zeiten, in denen noch „richtige Medizin“ gelehrt wurde, „richtige deutsche Mediziner“ ein Vorbild in der Welt waren, das Qualitätssiegel „Med. in Germany“ noch höchste Anerkennung genoss. Frei nach dem Motto „der Aberglaube frisst die moderne Medizin“, sollen die alternativen Heilmethoden schnell wieder vom Campus verschwinden.

Missstände an deutschen medizinischen Fakultäten

In einer Hinsicht muss man dem Autor Recht geben: Die Missstände an den deutschen medizinischen Fakultäten sind in der Tat beklagenswert. Bei allem Klagen über schlechte Ausbildung , “Deprofessionalisierung“ und „Entakademisierung“, über „wenig ergiebige“ Dissertationen fragt man sich allerdings: Was hat das Ganze mit Naturheilkunde & Co zu tun? Warum müssen ausgerechnet die komplementären Verfahren als Prügelknabe herhalten?

Forschung zur Komplementärmedizin weltweit

Wer befürchtet, international den Anschluss zu verlieren, sollte über den nationalen Tellerrand hinausschauen. Er wird feststellen: Ohne universitäre Programme zur Komplementärmedizin ist die Gefahr, ins wissenschaftliche Abseits zu geraten, ungleich größer. Die deutsche Medizin muss sich anstrengen, möchte sie im internationalen Vergleich mithalten.

In den USA ist die Forschung zur Komplementärmedizin (Complementary and Alternative Medicine = CAM) von staatlicher Seite seit Jahren fest etabliert. An 82 von insgesamt 125 medizinischen Hochschulen ist CAM als Pflichtteil des Lehrplans festgesetzt. Außerdem wurde das National Center of Complementary and Alternative Medicine (NCCAM) als Abteilung des NIH (National Institute of Health) eingerichtet. Mittlerweile werden hier jährlich mehr als 120 Millionen Dollar in Forschungsförderprogramme investiert – Tendenz steigend! Die Gründe sind unter anderem: In den USA stehen Nebenwirkungen von konventionellen Behandlungen auf Platz 11 aller Todesursachen. Die „Amerikanische Behörde für Technikbewertung“ stellte fest, dass maximal 20 Prozent der Produkte der Pharmaindustrie in ihrer Wirkung wissenschaftlich abgesichert sind. Abgesehen davon wurde 1992 klar, dass die Bevölkerung mehr Geld für komplementärmedizinische Behandlungen ausgibt als für konventionelle.

Dass auf europäischer Ebene Bewegung in die Sache kommt, zeigt die Integration der Komplementärmedizin ins 7. EU-Forschungsprogramm.

Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat in einer Resolution den Stellenwert der Komplementärmedizin und der traditionellen Medizinsysteme hervorgehoben. Es ist ein Armutszeugnis für den Wissenschaftsstandort Deutschland, dass z.B. Homöopathie-Studien heutzutage aus dem Iran, Indien oder Brasilien kommen und die Phytotherapieforschung nahezu komplett in amerikanischer Hand ist – teilweise mit sensationellen und zukunftsweisenden Resultaten.

Wissenschaft im Dienste der Bevölkerung

Dass die Komplementärmedizin Einzug an deutschen Universitäten hält, hat weniger etwas mit „gutem Sponsoring“ zu tun, sondern zeugt vielmehr von gesundem Pragmatismus. Der Autor schreibt selbst: Je nach Umfrage haben bis zu zwei Drittel aller erwachsenen Bundesbürger schon einmal alternative Heilmethoden in Anspruch genommen.

Wo die Schulmedizin an ihre Grenzen stößt, beschreitet die Komplementärmedizin Therapiewege, die offensichtlich Erfolg versprechend sind. Gerade weil die moderne Medizin chronisch kranken Patienten keine kurativen Therapiemöglichkeiten anbieten kann, suchen diese nach Möglichkeiten, ihre Lebensqualität zu steigern. Es ist im unmittelbaren Interesse der Patienten und einer Verbesserung der Versorgung, mehr Klarheit über komplexe Therapieverfahren – wie zum Beispiel der Homöopathie oder der Traditionellen Chinesischen Medizin – zu erlangen. Wenn Wissenschaft zum Selbstzweck wird und sich nicht mehr um die Probleme der Patienten kümmert – dann sind die Universitäten auf dem besten Weg, sich selbst abzuschaffen.

Wissenschaft im Dienste der Ärzteschaft

Eine aktuelle Umfrage belegt, dass 40 Prozent der Entscheidungsträger an den medizinischen Fakultäten eine positive Einstellung gegenüber komplementären Methoden haben. Die wachsende Zahl von Ärzten mit den Zusatzbezeichnungen Akupunktur, Homöopathie und Naturheilverfahren zeigt das zunehmende Interesse der Ärzteschaft und verdeutlicht die Notwendigkeit der Lehre an den Universitäten. Die Komplementärmedizin ist längst auf allen Ebenen angekommen: Die Landesärztekammern verleihen die Zusatzbezeichnung erst nach zertifizierter Weiterbildung, für die eine Facharztbezeichnung Voraussetzung ist. Die Bundeärztekammer leistet sich eine Einrichtung namens „Dialogforum Pluralismus in der Medizin“ – ins Leben gerufen vom Präsidenten der Bundesärztekammer persönlich. Ja, sogar die gesetzlichen Krankenkassen erstatten für spezielle Verfahren die Kosten ganz oder teilweise.

Es ist an der Zeit, den ärztlichen Nachwuchs in Deutschland zu professionalisieren. Die Relevanz ist offensichtlich.

Bestandteil der universitären Ausbildung sollte es daher sein, die Studierenden so neutral wie möglich über komplementäre Therapieverfahren zu informieren. Nur so können die angehenden Ärzte ihre Patienten später auch zu diesen Fragen fundiert beraten. Die Karl und Veronica Carstens-Stiftung hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, schon im Studium Grundlagenwissen zur Komplementärmedizin zu vermitteln. Dabei ist das Nachwuchsförderprogramm der Stiftung in der Universitätsmedizin ohne Beispiel: Studenten werden durch Arbeitskreise, Kongresse, Promotionsseminare und Stipendien betreut – das Niveau der Forschungsarbeiten ist herausragend. Das ist eine angemessene und konstruktive Antwort auf die vom Autor bemängelten Zustände an den Universitäten.

Problem Drittmittel-Finanzierung?

In ihrem gerade erschienen Buch „Gesunder Zweifel“ über den Aufstieg und Fall des ehemaligen IQWIG-Chefs Peter Sawicki, schreibt die Journalistin Ursel Sieber: „Heute hängen Professuren am Tropf der Industrie.“ Falls die Fremdfinanzierung an den medizinischen Hochschulen ein Problem darstellen sollte, dann sicher nicht auf Seiten der Komplementärmedizin: Von derzeit insgesamt 2.839 Medizin-Professuren haben lediglich 8 (!) die Komplementärmedizin zum Inhalt – alle 8 sind Stiftungsprofessuren, denn eine staatliche Förderung findet in Deutschland bis heute nicht statt.

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Links zum Thema:

Irrtum, Harro Albrecht! Warum die Medizin ihren Verstand schon lange verloren hat. (→ „Wehe! Wehe!“, ZEIT)

Prof. Hartmut Schröder über Harro Albrecht & Kollegen: Für Dialog, wissenschaftlichen Pluralismus und Wissenschaftsfreiheit

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„CAM-Bashing“ im SPIEGEL:

Dr. med. Michael Teut, Dr. med. Christian Lucae, Dr. med. Matthias Wischner und Jörn Dahler: Sturm im Wasserglas: Der Spiegel und die Homöopathie …

„Der Spiegel inszeniert mit dem neuesten Artikel zur Homöopathie von Markus Grill und Veronika Hackenbroch erneut seinen Status als Bildzeitung für Abiturienten. Der Artikel selbst ist ein Rückfall ins Mittelalter. Schlecht recherchiert, zum Zweck der Diskreditierung geschrieben, und entstanden aus einem vormodernen (mittelalterlichen) Wissenschaftsverständnis, in dem Dialoge und kritische Diskussionen unerwünscht sind und andere Denkrichtungen pauschal als Irrlehre bezeichnet werden. Diese Art von Journalismus ist weder unabhängig noch investigativ, sondern inquisitorisch.“  Fortsetzung hier …

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DZVhÄ Homöopathie.Blog: „Homöopathie und SPIEGEL (-fechterei)“ – Der DZVhÄ kommentiert „Rückfall ins Mittelalter“ (DER SPIEGEL, Nr. 47 vom 22. November 2010)

„Vor einem „Rückfall ins Mittelalter“ warnt der SPIEGEL vom 22.  November 2010. „Die Homöopathie breitet sich unaufhaltsam an deutschen Hochschulen aus“, heißt es in bewährter Spiegel-Schreibe. Etwas, das sich „unaufhaltsam“ ausbreitet, kann per se nur unheimlich und gefährlich sein. Das weiß man aus jedem Horror-Film. Was scheren da die Fakten. „Für Medizinstudenten sieht die neue Approbationsordnung die Homöopathie als Wahlpflichtfach vor.“ Dass das eine reine Kann-Bestimmung ist und die finale Gehirnwäsche des deutschen akademischen Nachwuchses noch vom Votum der jeweiligen medizinischen Fakultät abhängig ist, erfahren wir erst von der Carstens-Stiftung. Mit dem interessanten Rezept „Krankenkassen sollen sich Homöopathie sparen“ wollten Lauterbach und SPIEGEL übrigens schon im Juli das deutsche Gesundheitssystem vor dem Ruin bewahren. Der Vorschlag füllte das Sommerloch 2010, eignete sich jedoch nicht zur Kostensenkung. Nur 0,003 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen lassen sich so einsparen. SPIEGEL-Sturm im Wasserglas?“   Fortsetzung hier …

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Themen: Neuraltherapie.Blog | 3 Kommentare »

3 Kommentare to “Voll im Trend: „CAM-Bashing“ von Harro Albrecht in der ZEIT und von Sebastian Herrmann in der Süddeutschen Zeitung”

  1. Dr. Maximilian Fütterer schreibt:
    9th.Oktober 2010 um 12:24

    Vielen Dank Frau Plischko für die Bereitstellung des obigen Artikels.

    Mit Erleichterung stelle ich fest, dass polemisierende und einseitige Darstellungen in den Medien nicht ohne korrigierende Antwort bleiben. Es erscheint mir wichtig, dass die Bevölkerung, der es durch die Komplexität der Daten, die Vielfalt der medizinischen Methoden und die rasche wissenschaftliche Entwicklung nicht möglich sein wird, sich selbst ein verlässliches Urteil zu bilden, durch solche gut verständlichen und fundierten Artikel aus der Verunsicherung befreit werden.

    Andererseits muss auch betont werden, dass es schon immer die Patienten waren, die offen waren für neue medizinische Verfahren und dadurch häufig innerhalb eines vertrauenvollen Arzt-Patienten-Verhältnis entsprechenden Verfahren zur Verbreitung geholfen haben. Die universitäre Lehre war da oft nur zögernd bereit solche in der Bevölkerung schon etablierte Verfahren vorurteilsfrei zu integrieren. Es ist zukunftsweisend, wenn genau das zunehmend stattfindet.

  2. Carstens-Stiftung zum privaten Feldzug von Veronika Hackenbroch und Markus Grill. Homöopathie: Angekommen im 21. Jahrhundert. (→ DER SPIEGEL) | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    23rd.November 2010 um 19:55

    [...] jetzt ist es klar, eine illustre Boy & Girl Group Hamburger Redaktionen (ex-SPIEGEL-Redakteur Harro Albrecht gehört auch dazu) veranstaltet derzeit einen privaten Feldzug. Nachfolgend eine Stellungnahme der [...]

  3. Journalismus und wissenschaftliche Kontroversen: „Mehr Überblick und Hintergrund statt nur Diskursfragmente“ | CAM Media.Watch schreibt:
    16th.August 2011 um 11:15

    [...] der RKI-Experten mit keinem Wort. Harro Albrecht wiederum lässt Experten wie die Carstens-Stiftung (7) oder Kritisierte wie Prof. Dr. Harald Walach (8) vorsichtshalber nicht zu Wort kommen. Das zeugt [...]

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