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Wiki-Watch will Transparenz und Qualität der deutschsprachigen Wikipedia erhöhen (→ Europa-Universität Viadrina)

Von Claus Fritzsche | 29.Oktober 2010

Mit „Wiki-Watch.de“ ging am vergangenen Freitag, dem 22. Oktober, ein Portal online, welches die Transparenz und Qualität der deutschsprachigen Wikipedia verbessern will. Die von Medienrechtlern der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) entwickelte Plattform ermöglicht Interessenten ab sofort Plausibilitäts-Prüfung einzelner Artikel und liefert interessante Hintergrundinformationen über Wikipedia. „Wikipedia ist mit mehr als 1,1 Millionen deutschsprachigen Artikeln die wichtigste Wissensressource. Zwischen 25 und 35 Millionen Mal wird sie täglich allein im deutschen Sprachraum benutzt. Da ist es für jeden Nutzer, aber auch für die Gesellschaft wichtig zu wissen, welcher der Artikel nicht der Qualität entspricht, die wir insgesamt von Wikipedia gewohnt sind“, sagen die beiden Medienrechtler Prof. Dr. Wolfgang Stock und Prof. Dr. Johannes Weberling von der Europa-Universität Viadrina, Initiatoren von „Wiki-Watch”. In einem ersten Test für den Wikipedia-Artikel „Neuraltherapie“ ist Wiki-Watch.de zunächst durchgefallen. Prof. Dr. Wolfgang Stock erläuterte mir, worauf Wikipedia-Autoren achten müssen, wenn sie einen Artikel gegen (regelwidrige) Widerstände neutraler und aktueller schreiben wollen.



Wer bei Google das Suchwort „Wikipedia-Kritik“ eingibt, der findet (aktuell) bereits auf Rang sieben den Artikel „Wikipedia-Kritik: Neuraltherapie wird sachlich falsch und tendenziös dargestellt“ von Dr. med. Hans Barop hier in diesem Blog. Herr Barop untersuchte Anfang des Jahres die Qualität des Wikipedia-Artikels über die „Neuraltherapie nach Huneke“ und kam dabei zu folgendem Fazit: „Der Wikipedia-Eintrag wurde von nicht hinreichend qualifizierten Personen vorgenommen. Die Informationen über die Neuraltherapie sind veraltet und tendenziös.“ Informieren sich Laien momentan bei Wikipedia über die 1925 vom Düsseldorfer Arzt Dr. med. Ferdinand Huneke entdeckte Therapieform, so werden sie nach wie vor mit haarsträubenden Falschinformationen konfrontiert. Der Neuraltherapie-Artikel ist allerdings kein Einzelfall. Komplementärmedizinische Therapieverfahren werden bei Wikipedia tendenziell „niedergeschrieben“. Verantwortlich dafür sind u.a. ideologische Admin- und Autoren-Seilschaften aus dem Umfeld der sog. Skeptikerbewegung. Unrühmliche Bekanntheit hat diesbezüglich z. B. das ehemalige Vorstandsmitglied des Vereins Wikimedia Deutschland e.V., Nina Gerlach, gewonnen. Mit welchen unfeinen Methoden Nina Gerlach hinter den Kulissen ihren „POV“ (persönliche Meinung, das Gegenteil eines neutralen Standpunktes, der bei Wikipedia „NPOV“ genannt wird) gewaltsam durchboxte, das dokumentiert der H.Blog-Beitrag „Wikipedia, Agitprop und Nina Gerlach.“

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Wiki-Watch: Aufpasser für Wikipedia

Wikipedia ist, das bestätigen auch Kritiker der Online-Enzyklopädie, ein wertvolles, sehr nützliches und wichtiges Projekt. Wer einen Internet-Anschluss hat, der wird früher oder später bei Wikipedia landen, wenn er Informationen zu einem bestimmten Thema sucht. Wikipedia liefert Informationen schnell, übersichtlich und kostenlos. Dieser Nutzen und die Arbeit vieler fleißiger Autoren begründen den großen Einfluss und die Macht von Wikipedia. Unser Wissen über Wikipedia ist jedoch gering. Wer beeinflusst, was bei Wikipedia geschrieben werden darf und was nicht? Wer sind die aktuell 283 Administratoren und was machen sie? Wie kann man sein Fachwissen bei Wikipedia einbringen, ohne von Insidern und Seilschaften ausgebootet zu werden? Fragen dieser Art wollen die Medienrechtler Prof. Dr. Wolfgang Stock und Prof. Dr. Johannes der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) mit ihrem interdisziplinären Projekt www.wiki-watch.de in Zukunft beantworten. Wiki-Watch.de will der Öffentlichkeit eine Möglichkeit anbieten, die Verlässlichkeit einzelner Wikipedia-Artikel zu hinterfragen. Gibt man ein Stichwort ein, so liefert das Portal verschiedene Informationen als Grundlage für eine Plausibilitätsprüfung: Änderungen, Löschungen, Quellenbasis. Zusätzlich zeigt Wiki-Watch.de an, welche Artikel am meisten nachgefragt, am stärksten umkämpft oder gerade von Löschung bedroht sind.

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Wiki-Watch-Test „Neuraltherapie“

Dass Wiki-Watch.de noch einen steinigen Weg vor sich hat, zeigt ein Test für den Wikipedia-Artikel „Neuraltherapie“. Wiki-Watch.de kommt hier aufgrund formaler Kriterien zum eindeutigen und klaren Fehlurteil: „Zuverlässige Quelle!“ Die von Dr. med. Hans Barop festgestellten gravierenden Mängel fallen bei einer Prüfung gemäß der zum Einsatz kommenden „formalen Kriterien“ jedoch überhaupt nicht auf. Ein Beispiel: Der Wikipedia-Artikel über die Neuraltherapie zitiert als Quelle für angebliche Nebenwirkungen und Komplikationen ein Fachbuch von Irmgard Oepen (Einzelnachweis 2) aus dem Jahre 1986, dessen Inhalt sich auf 30 bis 50 Jahre alte Fälle bezieht, die weder etwas mit der Methode noch mit dem Lokalanästhetikum (in der Regel Procain) zu tun hatten und heute keine Gültigkeit mehr haben. Wer die entsprechende Literatur kennt, dem fällt auf, dass sich Einzelnachweis 2 (Irmagard Oepen) und Einzelnachweis 4 (Mattig et al.) in Teilen gegenseitig widersprechen. Irmgard Open verweist auf sachlich richtige Komplikationen als Folge von Injektionstechniken, die laut Mattig et al. heute jedoch keine Verwendung mehr finden. Der Wikipedia-Artikel verschweigt auch, dass ein Teilarm der Neuraltherapie – die sog. Segmenttherapie – unter dem Namen „therapeutische Lokalanästhesie“ schulmedizinisch anerkannt ist und beispielsweise von der Schweizer Grundversicherung bezahlt wird.

Wer noch mehr Insider-Kenntnisse hat, der weiß auch, wie die zum Teil grotesken Falschinformationen zu erklären sind. Die zitierte Irmgard Oepen war langjährige Präsidentin einer streng dogmatischen ideologischen Gruppierung namens Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). Dieser Verein verfügt innerhalb der deutschsprachigen Wikipedia über starke Seilschaften, die Artikel – in der Regel ohne hinreichende fachliche Kompetenz – mit dem ideologisch gewünschten „Spin“ versehen. Die bereits genannte Nina Gerlach (hier ihre Benutzerseite, ihr Twitter-Account und hier 2005 als Vorstandsmitglied von Wikimedia Deutschland e.V.) steht dem Verein GWUP und seiner Ideologie ebenso nahe wie Henriette Fiebig (seit 2008 „Community Assistant“ von Wikimedia Deutschland e.V.), die sogar GWUP-Mitglied war. Die Wikipedia-Seilschaften dieses Vereins gehen mit großem missionarischen Eifer vor und sind quasi ein Garant dafür, dass Wikipedia-Artikel über komplementärmedizinische Therapieverfahren den Warnhinweis „Vorsicht, dieser Artikel informiert falsch und ist manipuliert“ erhalten müssten.

Rat von Prof. Dr. Wolfgang Stock

In meinem Test für den Wikipedia-Artikel „Neuraltherapie“ sind die Grenzen der rein statistischen Bewertung von Wiki-Watch.de deutlich geworden. Prof. Dr. Wolfgang Stock erläuterte mir, worauf man achten sollte, wenn Wikipedia-Autoren gegen (regelwidrige) Widerstände einen Artikel neutraler und aktueller schreiben wollen und dass Wiki-Watch.de die ärgsten Fälle veröffentlichen will, bei denen trotz solcher ernsthafter und fundierter Versuche eine ausgewogene Darstellung in der Wikipedia nicht erreicht wurde. Das Fazit seiner Auskunft: Die formalen bzw. statistischen Prüfkriterien von Wiki-Watch.de greifen auch im Falle der Neuraltherapie, wenn Kritiker des Artikels aktiv mitarbeiten. Wird der sog. Neutralitätsbaustein in den Artikel eingepflegt oder kommt es sogar zu einem Edit-War (gegenseitige Löschungen von Edits), so stuft Wiki-Watch.de den Beitrag automatisch herab und warnt bis zu 30 Tagen danach deutlich, sich nicht auf diesen Beitrag zu verlassen. Diese Herabstufung kann jeder Kritiker eines Wikipedia-Artikels auslösen, wenn er seine Sichtweise im Diskussions-Bereich eines Artikels seriös und fundiert begründet und im Worst Case den Neutralitätsbaustein setzt. Was Wikipedia-Geschädigte genau tun können, wenn sie in ein nachweislich falsches und schlechtes Licht gerückt werden, das erläutert die Wiki-Watch.de-Seite „Hilfe gesucht?“ detailliert.

Wiki-Watch wird sich noch entwickeln

Ob eine auf nur 30 Tage beschränkte Herabstufung geeignet ist, das Ziel „mehr Transparenz und Qualität für die deutschsprachigen Wikipedia“ zu fördern, da habe ich meine Zweifel. Insbesondere hoch qualifizierte Experten werden kaum ein Interesse daran haben, ihre wertvolle Zeit dafür zu vergeuden, 12 x im Jahr gegen eine Wikipedia-Seilschaft anzukämpfen, um einen Artikel bei Wiki-Watch.de herunterzustufen. Wer Wikipedia jedoch für ideologische Interessen oder private Rachefeldzüge missbraucht, der hat oftmals sehr viel Zeit für Scharmützel jeglicher Art. Auf der anderen Seite ist Wiki-Watch.de jedoch ein vollkommen neues, mit viel Idealismus ins Leben gerufenes Projekt, welches Zeit benötigt, um sich zu entwickeln. Bekommt Wiki-Watch.de in den nächsten Jahren ausreichend Öffentlichkeit und Unterstützung, so kann sich das Projekt zu einer Institution entwickeln, die Missstände in der Wikipedia-Community – insbesondere bei den Administratoren – transparent und bekannt macht.

Wiki-Admins wenig kritikfähig

Wie groß der Bedarf für Wiki-Watch.de ist, das zeigt eine geradezu panikartige Reaktion auf das Lemma „Wiki-Watch“. Obwohl die Nachrichtenagenturen dpa, dapd, der Informationsdienst Wissenschaft, www.golem.de, der Deutschlandfunk sowie SWR ausführlich über Wiki-Watch.de berichtet haben, wurde ein Wikipedia-Artikelentwurf über Wiki-Watch.de von den sich wie kleine Territorialfürsten aufführenden Administratoren Sicherlich und GDK innerhalb kürzester Zeit zur Löschung vorgeschlagen und ohne plausible Begründung regelwidrig gelöscht. Siehe auch im Wiki-Watch.de-Blog der Artikel „Wikipedia-Admins wenig kritikfähig“. Ähnlich erging es der Wikipedia-kritschen Webseite WikiTruth (hier ein älterer SPIEGEL-Bericht). Ein Wikipedia-Artikel über WikiTrutz wurde am 3. Oktober 2006 kurz und schmerzlos gelöscht. Von wem? Na von jener Nina Gerlach, die als ehemaliges Vorstandsmitglied von Wikimedia Deutschland e.V. sehr gut über das Wikipedia-Regelwerk informiert ist, es jedoch auch bei Bedarf nach Gutsherrenart ignoriert.

Nachrichten, welche die Glaubwürdigkeit von Wikipedia hinterfragen, treffen diverse Wikipedia-Admins allem Anschein nach tief ins Mark. Im Kontext regelwidrigen Verhaltens fördern derart dünnhäutige Reaktionen den Eindruck, dass manche Administratoren Wikipedia als ihr Privateigentum betrachten.

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Intrige mit Folgen für SPIEGEL-Redakteur Markus Grill:

Nachtrag vom 12.03.2013:

Faktencheck: Markus Grills Behauptungen über Wolfgang Stock und Wiki-Watch auf dem Prüfstand. (Teil 1) #Medienmanipulation

Interview mit Prof. Dr. Wolfgang Stock zu den in der FAZ und im SPIEGEL gegen ihn erhobenen Vorwürfen: Teil 1 des InterviewsTeil 2 des Interviews

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Themen: Claus Fritzsche | 2 Kommentare »

2 Kommentare to “Wiki-Watch will Transparenz und Qualität der deutschsprachigen Wikipedia erhöhen (→ Europa-Universität Viadrina)”

  1. Wikipedia-Admins: männlich, linksliberal, genervt und weitgehend kritikunfähig (→ Umfrage des Projekts Wiki-Watch.de) | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    30th.Oktober 2010 um 13:06

    [...] Ich habe Wiki-Watch.de einmal für den Wikipedia-Artikel über die Neuraltherapie einem Qualitätstest unterzogen. Auch wenn das Ergebnis ernüchternd war, so stufe ich Wiki-Watch.de trotzdem als wichtiges und wertvolles Projekt ein, das sich noch entwicklen muss – jedoch  ein echtes gesellschaftliches Bedürfnis befriedigt. Mehr dazu im Neuraltherapie.Blog: „Wiki-Watch will Transparenz und Qualität der deutschsprachigen Wikipedia erhöhen (→ Europa-Un… [...]

  2. Wikipedia, Agitprop und Nina Gerlach | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    30th.Oktober 2010 um 13:09

    [...] Neuraltherapie.Blog: Wiki-Watch will Transparenz und Qualität der deutschsprachigen Wikipedia erhö… [...]

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