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Neuraltherapie an der Universität Heidelberg (Forschung und Lehre)

Von Dr. med. Stefan Weinschenk | 2.Februar 2011


„Frauen mit Erkrankungen aus dem gesamten Gebiet der Frauenheilkunde und Geburtshilfe werden von unserem Team von Ärztinnen mit verschiedenen Schwerpunktausbildungen aus dem Bereich der Naturheilverfahren und Komplementärmedizin beraten und ergänzend oder auch ausschließlich betreut.“ Mit diesen Zeilen stellt sich die Ambulanz für Naturheilkunde, Integrative Medizin des Universitätsklinikums Heidelberg vor. Die Ambulanz führt schwerpunktmäßig klinische Studien durch, in denen die Wirkung von Naturheilverfahren und Verfahren der Komplementärmedizin untersucht wird. Auch die Neuraltherapie nach Huneke spielt in der Ambulanz für Naturheilkunde eine wichtige Rolle – und zwar in Forschung und Lehre. Was wird hier genau erforscht und gelehrt? Der nachfolgende Beitrag gibt einen kleinen Überblick.

1. Lehre

Seit 1998 wird Neuraltherapie an der Universität Heidelberg gelehrt, seit 2003 ist sie Pflicht- und Prüfungsfach im Rahmen des Moduls Rehabilitation und Naturheilverfahren. Der naturheilkundliche Teil dieses Moduls besteht aus den drei regulationsmedizinischen Fächern Akupunktur, Manuelle Medizin (Chirotherapie) und Neuraltherapie, sowie den klassischen Naturheilverfahren und der Phytotherapie. Damit ist die Universität Heidelberg zurzeit die einzige Universität in Deutschland, an der Neuraltherapie als Pflicht- und Prüfungsfach für alle Studierenden gelehrt wird.

Daher haben seit 2003 alle Medizin-Studenten, die als Ärzte die Universität Heidelberg verlassen, Neuraltherapie in ihren theoretischen Grundzügen erlernt und in praktischen Übungen eigene Erfahrungen sammeln können. Eine Reihe von ihnen befindet sich bereits in ihrer Facharzt-Weiterbildung. Sicher wird sich der eine oder andere bei entsprechender Indikation an die Vorlesung und Kurse erinnern und Nadel und Spritze wieder zur Hand nehmen. Es ist zu erwarten, dass aus dieser Ärztegruppe auch eine zunehmende Nachfrage nach den Weiterbildungskursen Neuraltherapie entstehen wird.

2. Prüfungen

Einen wesentlichen Umfang in der Tätigkeit nimmt die Ausarbeitung und Evaluation von Prüfungsfragen in Anspruch, die einem strengen Auswerte-Regime des KompMed, Kompetenz-Zentrum für Prüfungen in der Medizin Baden-Württemberg unterliegen. Hierdurch hat sich mit den Jahren ein Pool von guten und relevanten Prüfungsfragen zusammentragen lassen.

Das Handbuch Neuraltherapie, welches ich 2010 herausgegeben habe, ist aus dieser Lehrtätigkeit heraus entstanden und kann daher gut zur Prüfungsvorbereitung verwendet werden.

3. Forschung

Die Forschungsgruppe Neuraltherapie an der Universität Heidelberg gehört zur Abteilung Gynäkologische Endokrinologie unter der Leitung von Prof. Thomas Strowitzki und besteht mittlerweile aus einer Gruppe von acht Personen. Als Arbeitsgruppenleiter stehen mir eine wissenschaftliche Hilfskraft und ein statistischer Berater auf Honorarbasis zur Seite. Fünf Studenten sind im Rahmen ihrer Doktorarbeit zurzeit in dieser Arbeitsgruppe aktiv. Die Schwerpunkte unserer klinischen Forschung sind:

Neuraltherapie in der Frauenheilkunde

Wir interessieren uns für die Wirkung der Neuraltherapie auf bestimmte gynäkologische Krankheitsbilder wie zum Beispiel Vulvovaginitis bzw. Vulvodynie, bei der wir sehr gute Erfolge verzeichnen können. Diese Ergebnisse werden wir voraussichtlich 2011 in Form einer Pilotstudie publizieren können.

Neuraltherapie und Vegetatives Nervensystem

Ein zweiter Forschungsschwerpunkt ist die Wirkung der Neuraltherapie auf das autonome (vegetative) Nervensystem und dessen Regulation. Wir haben hierzu in Zusammenarbeit mit dem Hersteller ein passendes Messsystem auf der Basis der Herzfrequenzvariabilität (HRV) entwickelt. Erste Untersuchungen zeigen, dass die Neuraltherapie bereits unmittelbar nach der Behandlung eine Verminderung des Sympathikotonus, das heißt eine Stressreduzierung bewirkt. Weiterhin interessiert uns die langfristige Auswirkung der Neuraltherapie auf die autonome Regulation, wozu wir derzeit ebenfalls einen neuen Messansatz entwickeln.

Reflektorische Veränderungen durch Neuraltherapie

In einem dritten Forschungsschwerpunkt beschäftigen wir uns mit reflektorischen Veränderungen am Muskel-Skelett-System unmittelbar nach einer Injektion. Auch hier sind die Ergebnisse sehr vielversprechend. Erste Publikationen sind in Vorbereitung.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Neuraltherapie einer klinischen Prüfung standhält und auch mit etablierten klinischen Untersuchungsmethoden ihre Wirksamkeit unter Beweis stellen kann. Dies wird niemanden verwundern, der die Neuraltherapie täglich in der Praxis mit Erfolg anwendet. Gute Erfahrungen mit dieser Methode jedoch sind eine Sache, der statistisch gesicherte Nachweis der Wirkung eine andere – hier sind wir auf einem guten Weg.

Nebenwirkungen und Gefährlichkeit der Neuraltherapie

In der Öffentlichkeit, z. B. in einigen Internet-Portalen wird gelegentlich die angebliche „Gefährlichkeit“ der Neuraltherapie unter Berufung auf Arbeiten aus den 1970er Jahren wieder neu diskutiert. Wir haben hierzu einen weiteren Schwerpunkt „Nebenwirkungen der Neuraltherapie“ gegründet. Wir führen Anwendungsbeobachtungen durch, bei denen wir alle tiefen Injektionen in ihrem gesamten Nebenwirkungsspektrum erfassen werden. Erfreulicherweise konnten wir bis heute keine einzige schwere Nebenwirkung beobachten. Im Unterschied zu früheren Veröffentlichungen verfolgen wir hier einen prospektiven Studienansatz, der zu einer höherwertigen wissenschaftlichen Aussage führt als retrospektive Analysen.

Diese Untersuchungen werden in enger Zusammenarbeit mit PD Dr. Stefanie Joos, Abteilung für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung, durchgeführt. Es bestehen Gespräche über weitere Kooperationen mit anderen Abteilungen der Medizinischen Fakultät.

Wir stehen auf den Schultern von Giganten: Die Geschichte der Erforschung der Therapie mit Lokalanästhetika an unserer Universität beginnt 1950 mit Fleckensteins Entdeckung der Wirkung von Lokalanästhetika am Natriumionenkanal, setzt sich fort in der Schmerzforschung um Prof. Gerbershagen und Prof. Manfred Zimmermann in den 1980er Jahren und findet ihren momentanen Abschluss mit Prof. Hollmann in der bahnbrechenden Entdeckung der antiinflammatorischen Wirkung von Lokalanästhetika. Diese Tradition ist und Verpflichtung und Ansporn zugleich.
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Links zum Thema:

Frauenarzt-Praxis Dr. med. Annerose Scherer und Dr. med. Stefan Weinschenk

ELSEVIER-NEWS über die Neuraltherapie: Interview mit Dr. med. Stefan Weinschenk

Warum Procain? Neuraltherapie und die Funktion des Lokalanästhetikums (Teil 1)

Naturheilverfahren – ein Publikumsliebling geht an die Uni (Detmar Jobst, Berthold Musselmann, Z. Allg. Med. 2003; 79: 605–6)

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Themen: Dr. med. Stefan Weinschenk | 1 Kommentar »

Ein Kommentar to “Neuraltherapie an der Universität Heidelberg (Forschung und Lehre)”

  1. NEU: »Handbuch Neuraltherapie« von Dr. med. Stefan Weinschenk | Neuraltherapie.Blog schreibt:
    9th.Februar 2011 um 11:12

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