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Forschungslage: Placebo in der Medizin. Experten raten, den Placeboeffekt stärker für die Therapie zu nutzen.

Von Claus Fritzsche | 11.April 2011


„Placebo wirken stärker und sehr viel komplexer als bisher angenommen. Ihr Einsatz ist von enormer Bedeutung für die ärztliche Praxis.“ Mit diesen Worten warb Prof. Dr. Christoph Fuchs, Hauptgeschäftsführer der Bundesärztekammer (BÄK), im März für eine jetzt in Buchform vorliegende Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats der BÄK „Placebo in der Medizin“. Obwohl wir mit dem sog. Placeboeffekt vermutlich alle etwas verbinden, handelt es sich doch um einen wolkigen und zu Missverständnissen einladenden Begriff. Nicht wenige verwenden den Terminus „Placeboeffekt“ als Synonym für Wirkungslosigkeit oder einen nur „eingebildeten“ Nutzen. Für andere hat er den negativen Beigeschmack von (Patienten-) Manipulation, Täuschung und Irreführung. Sowohl die neurobiologische als auch die komplementärmedizinische Forschung verwenden einen erweiterten Placebobegriff, der z. B. die Erwartungen des Patienten oder die Arzt-Patienten-Interaktion mit einbezieht. Aus dieser neuen Perspektive betrachtet sind Placeboeffekte im Einzelfall „hirnphysiologisch und -anatomisch lokalisierbar“, therapeutisch wirksam und sehr (!) nützlich. Sie sind jedoch gleichzeitig auch eine ethische Herausforderung, weitgehend unerforscht und können bei negativen Erwartungen zu schädlichen Noceboeffekten führen.


Placebo: hoch wirksam & unterschätzt

Wer sich mit der Bedeutung des Placeboeffekts in der Medizin auseinandersetzt, der wird mit vielen Paradoxa konfrontiert. Ein Widerspruch ist z. B. das seltsame Phänomen, dass Placeboeffekte verblüffend stark und therapeutisch sehr nützlich sein können, ein Großteil der Ärzte dies jedoch nicht weiß oder nicht einsehen will.
Prof. Dr. Robert Jütte, Vorstand des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer (BÄK), beschreibt dieses Paradoxon in einem Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt wie folgend:


„Dass ich mich überhaupt für dieses Thema eingesetzt habe, rührt daher, dass ich selbst in Stuttgart über lange Jahre den Kurs „Placebo“ für Ärzte in der Weiterbildung „Allgemeinmedizin“ gegeben habe. Ich war verblüfft, dass die Ärzte zunächst einmal gar nicht einsehen wollten, warum das Thema Placebo in ihrer Weiterbildung überhaupt ein Thema war. Sie würden ja keine klinischen Studien machen, hieß es. Der Begriff Placebo wird von einem niedergelassenen Arzt in aller Regel mit klinischen Studien in Verbindung gebracht, aber nicht mit der alltäglichen Praxis. Es war als Dozent eine Menge Aufklärungsarbeit nötig, um zu zeigen, dass der Placeboeffekt in der Tätigkeit des Arztes mitbegründet ist. Man braucht dazu nicht unbedingt Scheinmedikamente oder etwas Ähnliches einzusetzen. Es ist das Anliegen der Bundesärztekammer, mit dieser Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats auf die Bedeutung des Placeboeffekts in der alltäglichen Praxis aufmerksam zu machen.“

Quelle: Dtsch Arztebl 2010; 107: 28-29

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Großes Echo in den Medien

Die Stellungnahme der Bundesärztekammer fand in den Medien ein großes Echo. Leser der FAZ erfuhren, dass der Placeboeffekt die Physiologie des Körpers auf reale und messbare Weise beeinflusst und alte ärztliche Tugenden wie Vertrauen, Empathie und Fürsorge auch therapeutisch bedeutsam sind („Placeboeffekt – Kein Hirngespinst“). Das Magazin FOCUS wies darauf hin, dass es nichts mit Schamanentun sondern vielmehr mit „harter Wissenschaft“ zu tun hat, wenn Probanden im Klinikum Hamburg-Eppendorf Salbe ohne Arzneistoff erhalten und danach behaupten, die Salbe wirke schmerzstillend („Medizin – Falsche Pillen, echte Heilung“). „Dass Scheinmedikamente wirken, ist ein alter Hut. Aber erst jetzt verstehen Wissenschaftler, was dabei im Körper passiert. „Da eröffnet sich eine komplett neue Welt“, sagt Winfried Rief, Sprecher einer neuen Forschergruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Geringere Arzneimitteldosen, weniger Nebenwirkungen, effektivere Medikamente, all das sei denkbar“, so FOCUS-Autor Paul Klammer über den Placeboeffekt. In der Frankfurter Rundschau thematisierte Lilo Berg („Placebos mit Heilkraft“), wie stark aber auch wie kulturell unterschiedlich Placeboeffekte auftreten können: „Welche verblüffenden Effekte sich mit Zuckerkügelchen und anderen Scheintherapeutika erzielen lassen, zeigen immer mehr Studien. Sie helfen zum Beispiel bei Magengeschwüren, und zwar in 59 Prozent der Fälle, wie eine Untersuchung zeigte. Diese Heilungsrate gilt aber nur für die Behandlung in Deutschland. In Brasilien angewandt, wirkte sie nur bei sieben Prozent der Patienten.“ So pauschalisierend ist die Aussage von Lilo Berg sicherlich falsch. Placeboeffekte variieren abhängig von vielen Parametern wie z. B. Suggestibilität, Überzeugungssystemen (von Patienten, Ärzten, Kulturen), Erwartungshaltung, Bedeutung einer Situation für Patienten usw. und haben einen stark individuellen Charakter.

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Niedrige Evidenz, starke Wirkung

Ein sehr wichtiger Aspekt der modernen Placeboforschung ist in den Medien leider zu kurz gekommen. Zu den unser Gesundheitssystem derzeit revolutionierenden Placebo-Paradoxa gehört die Besonderheit, dass Placeboeffekte im Einzellfall viel stärker wirken können als das Verum eines Arzneimittels. Die klassische Medizinforschung stand bisher insofern unter einem negativen Einfluss der Pharmaforschung, als sie fast ausschließlich auf den über Placebo hinausgehenden spezifischen Effekt einer Intervention fixiert war. (In der Pharmaforschung ist dies auch sinnvoll.) Inzwischen weiß man jedoch, dass die mithilfe von doppeltverblindeten randomisierten Studien (RCTs) nachweisbaren spezifischen (Verum-) Effekte gewissermaßen Zwerge auf dem Rücken von Riesen in Form von unspezifischen (Placebo-) Effekten sein können. Die Verwendung des Begriffs „Placeboeffekt“ ist in diesem Zusammenhang irreführend, weil die starken Effekte, um die es hier geht, durch eine Fülle komplexer und noch weitgehend unerforschter Faktoren beeinflusst werden. So z. B. durch die Erwartungshaltung der Patienten, die Arzt-Patient-Interaktion, das therapeutische Setting, individuelle und auch kollektive Überzeugungen (z. B. „Hightech-Medizin ist effektiv“, „moderne Diagnosen geben mir Sicherheit“ oder „Naturheilkunde wirkt sanft“) möglicherweise jedoch auch durch eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Krankheit und eine daraus folgende veränderte Lebensweise.

In Fachkreisen sind diese Zusammenhänge schon seit einigen Jahren bekannt. In seinem Beitrag „Der spezifische Placeboeffekt“ machte PD Dr. med. Klaus Linde 2006 darauf aufmerksam, dass sich hinter dem Begriff „unspezifische Wirkung“ hochgradig wirksame spezifische Effekte verbergen können. Fünf Jahre zuvor schilderte Harald Walach das als „Wirksamkeitsparadox in der Komplementärmedizin“ bezeichnete Phänomen, dass eine therapeutische Maßnahme mit geringer Evidenz einer Maßnahme mit hoher Evidenz (in Hinblick auf die für Patienten entscheidende Wirkung) überlegen sein kann.

Warum? Gemäß den Evidenzhierarchien der Evidenzbasierten Medizin (EbM) zählt als Bewertungskriterium ausschließlich der über Placebo hinausgehende spezifische Effekt einer therapeutischen Maßnahme: die Wirksamkeitt (Efficacy). Für die Besserung von Patienten und ihren Krankheitsverlauf entscheidended ist jedoch die Summe aus spezifischen (Verum-) Effekten und unspezifischen („Placebo“-) Effekten: die Wirkung (Effectiveness). Und so gehört es zu den Paradoxien der Evidenzbasierten Medizin, dass sie das mittels randomisierten klinischen Studien (RCTs) gemessene Kriterium Wirksamkeit maßlos überbewertet und das Kriterium Wirkung lange Zeit überhaupt nicht auf ihrem Radar hatte. Erst der Siegeszug der modernen Versorgungsforschung ändert diese Situation seit einigen Jahren. Inzwischen erhält die unter Praxis- bzw. Alltagsbedingungen gemessene Wirkung einen immer höheren Stellenwert. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen schreibt hierzu: „Randomisierte, kontrollierte, klinische Studien, die lediglich die Effektivität (und gegebenenfalls Effizienz) einer Maßnahme unter artifiziellen Studienbedingungen („Efficacy“) beschreiben, werden in vielen Fällen überbewertet.“
( → SVR: Gutachten 2003. Kurzfassung, Seite 87)

Die obige Grafik stammt aus der Publikation der Bundesärztekammer, wurde von mir jedoch in entscheidenden Punkten verändert. Sie zeigt eine Behandlung X mit starker Evidenz (Wirksamkeit) und eine Behandlung Y, die nach den klassischen Cochrane-Kriterien wegen geringer spezifischer Wirksamkeit als nicht empfehlenswert eingestuft werden würde. Paradoxerweise verfügt Behandlung Y jedoch über eine viel stärkere Wirkung, die sich aus einem kleinen spezifischen Effekt und einem starken unspezifischen Effekt (umgangsprachlich „Placeboeffekt“) zusammensetzt. Eine große mehrarmige Studie, in der sich genau dieser verblüffenden Effekt gezeigt hat, sind die german acupuncture trials (gerac). Mehr dazu im gerac-Exkurs weiter unten.

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Wenn Placebo stärker als Verum wirkt

In der Forschung hat sich nun gezeigt, dass die unspezifischen Effekte im Einzelfall einen viel stärkeren Beitrag zum therapeutischen Erfolg leisten können als die spezifischen Effekte.

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+++++++ EXKURS: Placebo wirkt stärker als Verum +++++++

Naproxen-Studie von Bergmann et al.

Naproxen ist ein Arzneistoff, der schmerzlindernd, fiebersenkend und entzündungshemmend wirkt. Im Rahmen einer randomisierten klinischen Studie wurde geprüft, welche Wirkung Verum und Placebo auslösen, wenn die Probanden über die Einnahme a) informiert waren, eingewilligt haben (»with consent«) bzw. wenn sie b) Verum und Placebo ohne ihr Wissen erhielten (»without information«). Es stellte sich heraus, dass die Wirkung von Placebo mit Einwilligung (Die Probanden wissen, dass sie ein Mittel erhalten, sind jedoch nicht darüber informiert, dass es ein Scheinmedikament bzw. Placebo ist.) nach 180 Minuten erheblich stärker war als die Wirkung von Naproxen (Verum) ohne Wissen (Die Probanden haben den echten Wirkstoff erhalten, wussten dies jedoch nicht.)

Die Naproxen-Studie von Bergmann JF et al. demonstriert in beeindruckender Weise die irreführende Interpretation klassischer RCTs und die geradezu maßlose Überschätzung spezifischer Effekte durch die Evidenzbasierten Medizin (EbM). Eine klassische randomisierte klinische Studie untersucht nur jene Aspekte, welche in der Grafik oben schwarz und rot markiert sind. Hier entsteht der irreführende Eindruck, der Wirkstoff Naproxen wäre einem Placebo überlegen. Durch die Vergabe von Verum und Placebo einmal mit und einmal ohne Wissen der Probanden haben Bergmann JF et al. jedoch ein Phänomen entdeckt, welches in klassischen RCTs nicht untersucht und de facto verschleiert wird. Es zeigte sich, dass die Wirkung eines Placebos mit Einwilligung dem Naproxen-Wirkstoff ohne Wissen nach 180 Minuten ABSOLUT massiv (!) überlegen war. Fazit: Klassische RCTs schreiben dem Verum eine viel zu hohe Wirkung zu. Ein erheblicher Teil der dem Verum via RCT zugeschriebenen Wirkung ist durch den Effekt von Überzeugungen, Arzt-Patient-Interaktion, therapeutischem Setting, Beobachtungssituation etc. zu erklären.

Quelle:

Bergmann JF, Chassany O, Gandiol J, Deblos P, Kanis JA, Segrestaa JM, Caulin C, Dahan R: A randomised clinical trial of the effect of informed consent on the analgesic activity of placebo and naproxen in cancer patients. Clinical Trials and Meta-Analysis 1994, 29:41-47.

RCT-Kritik:

Kaptchuk TJ:  The double-blind randomized controlled trial: Gold standard or golden calf? Journal of Clinical Epidemiology 2001, 54:541-549

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Im Jahr 2001 veröffentlichte Prof. Dr. Harald Walach seinen Artikel „Das Wirksamkeitsparadox in der Komplementärmedizin“, wonach eine Therapie mit geringer (spezifischer) Wirksamkeit (Anmerkung des Verfassers: ergo mit geringer Evidenz) einer Therapie mit hoher Evidenz überlegen sein kann, weil ihre Wirkung von starken unspezifischen Effekten (umgangssprachlich „Placeboeffekt“) getragen wird. Vier Jahre später wurden die Thesen Walachs durch eine große mehrarmige Studie, die german acupuncture trials (gerac), bestätigt:

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+++++++++++++ Exkurs: gerac-Studien +++++++++++++++

gerac (german acupuncture trials)

Die von AOK, BKK, IKK, Knappschaft, landwirtschaftlicher Krankenkasse und See-Krankenversicherung finanzierten gerac-Akupunkturstudien zu chronischer Migräne und Spannungskopfschmerz überprüften u. a. die therapeutische Wirksamkeit einer Akupunktur mit chinesischer Punktauswahl (Verum) im Vergleich zu einer Akupunktur an nicht-chinesischen Akupunkturpunkten (Placebo), Sham-Akupunktur genannt  (→ »Die gerac-Kopfschmerz-Akupunktur-Studien«). Das Ergebnis: Die Wirkung von Verum-Akupunktur (48%) und Placebo-Akupunktur (44%) war fast nicht zu unterscheiden. Die klassische und bisher etablierte Weise, die Ergebnisse einer solchen Studie zu interpretieren, würde nun lauten: Akupunktur ist bei den untersuchten medizinischen Indikationen wirkungslos. Richtig ist jedoch, dass Akupunktur unter den Bedingungen der gerac-Studien eine niedrige (spezifische) Wirksamkeit und eine sehr hohe (unspezifische) Wirkung hatte. Zur Unterscheidung der Begriffe „Efficacy“ und „Effectiveness“ siehe auch Wikipedia („Therapeutische Wirksamkeit“) und Carstens-Stiftung („Wirksamkeit in Studien vs. Wirksamkeit im Alltag“).

Ein weiterer Studienarm untersuchte die Wirkung von Akupunktur im Vergleich zu einer konventionellen Therapie unter Optimalbedingungen. Die Akupunkturgruppe konnte hier einen Therapieerfolg von 48% vorweisen, während die Wirkung in der konventionellen Therapie mit 27% signifikant niedriger lag. Akupunktur-Patienten zeigten einen im Vergleich zu einer konventionellen Optimal-Therapie fast doppelt so großen Therapieerfolg. Wer die Details nachlesen will, der findet sie versehen mit einem unterhaltsamen Begleit-Kommentar von Prof. Harald Walach in der Forschenden Komplementärmedizin 2008; 15; 52-54.

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In seinem Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt geht auch Prof. Dr. Jütte auf dieses verblüffende Phänomen ein. Auf die Frage „Das heißt, es kommt ein Mittel mit einer bestimmten Wirkung zur Anwendung, die noch verstärkt wird durch die therapeutischen Begleitumstände?“ von Ärzteblatt-RedakteurThomas Gerst antwortet er:

„Wenn ich eine therapeutische Maßnahme habe, die in klinischen Studien einen nachgewiesenen hohen Effekt von beispielsweise 60 Prozent hat, kann trotzdem in der täglichen Praxis eine Behandlung, die etwa in den klinischen Studien nicht so gut abgeschnitten hat, im Endeffekt für den Patienten besser sein, weil der Verum- und Placeboanteil einer Behandlung unterschiedlich groß sein können. Es kommt also nicht selten vor, dass eine Maßnahme mit geringerer Evidenz effektiver ist, weil die Umstände besser passen und der Gesamteffekt damit größer wird.“

Thomas Gersts Frage lässt bei ihm auf den weit verbreiteten Glauben schließen, Placeboeffekte könnten Verumeffekte – wenn überhaupt – nur ein klein wenig verstärken. In der therapeutischen Praxis ist jedoch der umgekehrte Fall ebenso möglich und realistisch, dass die unspezifischen Effekte (umgangssprachlich „Placebeoffekte“) dem Verumeffekt haushoch überlegen sind. Diese Erkenntnis scheint für manche Forscher und Ärzte geradezu schockierend zu sein. Sind sog. Placeboeffekte jedoch Verumeffekten selbst unter kontrollierten Studienbedingungen und in größeren Gruppen (unter ganz bestimmten Rahmenbedingungen) deutlich überlegen, so ist dies auch politisch brisant. Prof. Dr. Harald Walach stellt diesbezüglich fest:


„Wenn Menschen, die laut offizieller Diagnostik chronisch krank und nicht heilbar sind und darauf eingestellt, ihr Leben lang Präparat xyz von Firma ABC einzunehmen, plötzlich merken, mit ein bisschen Homöopathie, einer soliden Umstellung ihrer Ernährung, einem regelmäßigen Programm zur Stressverarbeitung und Entspannung, mit Gewichtsreduktion und meinethalben einer beeindruckenden Placebotherapie sind sie frei von Symptomen und können ihre Medikamente absetzen – wenn das geschieht, dann wird eine fundamentale Wirklichkeit in Frage gestellt.“

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Intensive Forschung, offene Fragen

Spätestens an dieser Stelle stellt sich die Frage, warum ein altbekannter Effekt plötzlich so im Rampenlicht steht. Aus meiner Sicht sind es besonders drei zentrale Faktoren, welche Placeboeffekte bzw. sog. unspezifische Faktoren zuletzt erheblich aufgewertet haben:

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1. Unterschätzte Stärke und Dimension

Die oben zitierte Naproxen-Studie von Bergmann JF et al. stammt aus dem Jahre 1994 und liefert uns keine wirklich neuen Erkenntnisse. Die wissenschaftliche Arbeit hat erst im Kontext viele weiterer neuerer Forschungsarbeiten an Sprengkraft gewonnen. Sie führt zu Fragen, die eine ganze Industrie (Pharmabranche) beunruhigen können. Wie kann es sein, dass der Effekt eines Schmerzmittels mit hoher Evidenz nach 180 Minuten zu großen Teilen von Placeboeffekten getragen wird? Warum war Placebo mit Einwilligung der Probanden nach drei Stunden dem Naproxen-Verum ohne Wissen haushoch überlegen? Unsere schöne heile Evidenzbasierte Medizin kann uns diese wichtige Frage leider nicht beantworten, a) weil sie in 99,99 Prozent der RCTs nicht gestellt wird, b) weil es aus ethischen Gründen problematisch ist, ein Verum ohne Wissen der Probanden zu geben, c) weil sich wahrscheinlich aus wissenschafts-ideologischen und kommerziellen Gründen kaum jemand für eine ehrliche Antwort interessiert. Eine wissenschaftlich fundierte Beantwortung der Frage, wie Arzneimittel mit hoher Evidenz wirken, wenn sie Probanden ohne ihr Wissen gegeben werden, könnte für große Teile des medizinischen Mainstreams und Teile der Pharmaindustrie schockierend sein.

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2. Neues Wissen über seine Komplexität

Das Bild, welches große Teile der Öffentlichkeit (Laien, Ärzte aber auch Forscher) vom Placeboeffekt haben, ist in hohem Maße reformbedürftig. Der Placeboeffekt ist weder ein Synonym für Wirkungslosigkeit noch lässt er sich auf Suggestiveffekte oder seelische Streicheleinheiten („Heile, heile Gänsje“) reduzieren. Seelische Streicheleinheiten erhalten viele Menschen auch beim Friseur. Große Aufmerksamkeit erhalten Patienten auch vom Psychotherapeuten. Und starke Suggestiveffekte verursachen auch die Wunderwerke der Hightech-Medizin. Ob ein guter Haarschnitt, eine evidenzbasierte Psychotherapie oder eine Behandlung mit den neuesten Wundern der Hightech-Medizin jedoch z. B. chronisch Kranken so effektiv hilft wie eine Therapie klassisch homöopathisch arbeitenden Ärzte in der Langzeituntersuchung (1, 2), das ist eine spannende Frage. Die Homöopathie gilt für nicht wenige Menschen (mehr aus Ratlosigkeit als aufgrund von Fakten und Wissen) gewissermaßen als die „Mutter aller Placebobehandlungen“. In der hier genannten Studie „zeigte sich im Vorher-/Nachhervergleich eine Reduktion der klinischen Symptome im Mittel um fast die Hälfte und eine deutliche Besserung der Lebensqualität“(3). Sicher ist derzeit nur, dass wir über das Placebophänomen und die ihm zugeschriebenen nützlichen Eigenschaften noch viel lernen können und müssen. Moerman und Jonas sprechen viel lieber von Effekten, „die aufgrund der Bedeutung, die eine Intervention für eine Person hat, zustande kommen“ (4). Diese Präzisierung macht Sinn, erklärt sie doch, warum Effekte bei einer Person wirken und bei einer anderen Person nicht. Ja, sie könnte sogar erklären, warum Placebos sogar mit Wissen wirken können (5, 6).

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3. Großer Nutzen speziell für chronisch Kranke

Etwa 40 Prozent aller Bundesbürger leiden unter chronischen Krankheiten, ohne dass ihnen die moderne Medizin kurative (heilende) Therapiemöglichkeiten anbietet. Wer unter Hypertonie, Herzkrankheiten, Diabetes Mellitus, Arthritiden, Asthma Bronchiale oder Depression leidet, für den sind die Erkenntnisse der modernen Placeboforschung eine gute Nachricht. Chronisch Kranke haben die Möglichkeit, von der Rolle des passiv leidenden Patienten (lateinisch pati = zulassen, leiden, dulden, lateinisch patiens = geduldig, etwas ertragend) in jene des aktiv und selbstverantwortlich seine Lebensqualität steigernden mündigen Bürgers zu wechseln. Wir wissen heute: Der positiv heilende Effekt eines therapeutischen Konzepts (ob nun moderne Hochschulmdizin oder Komplementärmedizin) wird in einem sehr starken (!) Maße durch sog. unspezifische Faktoren bestimmt, die jeder Patient selbst beeinflussen kann: z. B. mentale Einstellung, Erwartungshaltung, Änderung der eigenen Lebensweise, aktive Auseinandersetzung mit einer Krankheit u.v.a.

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Fachdiskussion steht erst am Anfang

Was bedeuten nun all die neuen Erkenntnisse aus Neurowissenschaft, Kognitionspsychologie und komplementärmedizinischer Forschung für die ärztliche Praxis? Nun, diese Frage lässt sich hier nicht zufriedenstellend beanworten, weil der gesamte Themenkomplex „Placeboeffekt“ zu viele Querverbindungen zu weiteren Themen hat, deren Diskussion ganze Bibliotheken füllen würde. Auf viele Fragen gibt es auch noch keine zufriedenstellende Antwort. Und zum guten Schluss hängt die Bedeutung, die wir Placeboeffekten beimessen, auch von unserem eigenen Weltbild und Paradigma ab. Schwierig wird es, wenn Akteuren überhaupt nicht bewusst ist, dass sie sich im Rahmen und unter den Prämissen eines medizinischen Paradigmas bewegen.

Der Mensch als standardisierter Bio-Roboter
Aus Sicht des in hohem Maße mechanistisch, deterministisch und monokausal denkenden medizinischen Mainstreams handelt es sich bei Placeboeffekten tendenziell um eine Kuriosität, einen schwer steuerbaren und noch schwerer fassbaren Störfall, den man durch Einführung von Evidenzhierarchien als therapeutische Einflussgröße ausschließen will. Der medizinische Mainstream betrachtet Menschen noch immer zu stark als standardisierte Bio-Roboter, die sich mit standardisierten Verfahren einheitlich (am liebsten Leitlinien-konform) behandeln lassen. Siehe hierzu auch: EBM-Kritik: Prof. Harald Walach und das Problem mit der „Integrativen Medizin“.

Der Mensch als Individuum mit Körper, Geist und Emotionen
Die Anhänger komplementärmedizinischer Therapieverfahren betrachten Krankheit und Gesundheit hingegen als ein Phänomen, welches sehr stark von individuellen Einflussgrößen beeinflusst wird, die über den Körper mit seinen Mechanismen weit hinausgehen. Hier geht es in der Regel darum, die individuelle Selbstregulationsfähigkeit eines Menschen zu aktivieren. Neuraltherapie, Naturheilkunde, Homöopathie, Akupunktur oder Chirotherapie greifen nicht steuernd in körperliche Prozesse ein. Ihr Instrumentarium hat eher den Charakter eines äußeren Impulses, der den Körper zu einer eigenen, sehr stark individuell geprägten Heil- bzw. Regulationsreaktion anregt. Wird die Selbstregulationsfähigkeit eines Menschen nun nicht nur durch Nadelstiche, Globuli, Procain-Injektionen oder chirotherapeutische Dehnungsbewegungen aktiviert sondern auch durch die Erwartungshaltung von Patienten oder die Informationen und die Zuversicht, die ein Therapeut Patienten vermitteln kann, dann ist der Placeboeffekt hier ein integraler Bestandteil der Therapie.

Fazit: Unsere Bewertung des Placeboeffekts bzw. von sogenannten unspezifischen Effekten wird zu großen Teilen von dem medizinischen Paradigma beeinflusst, in dem wir uns bewusst oder unbewusst bewegen.

Zu den spannenden Eigenschaften des Placeboeffekts gehört übrigens auch die Besonderheit, dass entsprechende Effekte wahrscheinlich permanent wirken – auch wenn uns dies nicht bewusst ist. Wir können uns ihnen nicht wirklich entziehen, haben jedoch die Wahl der Richtung – „dürfen“ zwischen Placebo- und Noceboeffekt wählen. Wer die im FAZ-Artikel „Ich werde schaden“ geschilderten Wirkungen als Ärztin/Arzt oder Patientin/Patient nicht prickelnd findet, der tut gut daran, sich aktiv und bewusst mit diesem faszinierenden Phänomen auseinanderzusetzen. Und zwar vollkommen unabhängig vom jeweils bevorzugten medizinischen Paradigma.

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Lesetipp:

Placeboeffekte in der Medizin: evidente hirnphysiologisch und hirnanatomisch lokalisierbare Prozesse. Interview mit Prof. Dr. Stefan Schmidt.

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Weiterführende Links:

Interview mit Prof. Dr. Robert Jütte, Vorstand des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer (BÄK): „Die Arzt-Patienten-Interaktion ist ganz zentral“

„Der gute Arzt aus interdisziplinärer Sicht – Ergebnisse eines Expertentreffens.“ Von Prof. Dr. med. Claudia M. Witt (Hrsg.)

EbM-Kritik: Prof. Harald Walach und das Problem mit der „Integrativen Medizin“

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Themen: Claus Fritzsche | 8 Kommentare »

8 Kommentare to “Forschungslage: Placebo in der Medizin. Experten raten, den Placeboeffekt stärker für die Therapie zu nutzen.”

  1. Unterschätzt: Placebo in der Medizin. Über Therapien mit niedriger Evidenz und trotzdem sehr starker Wirkung. | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    12th.April 2011 um 10:43

    [...] Forschungslage: Placebo in der Medizin. Experten raten, den Placeboeffekt stärker für die Therapie… [...]

  2. Apeiron schreibt:
    27th.Mai 2011 um 11:56

    Mein Fazit für diesen Artikel ist: Nicht der Placebo-Effekt sondern die Wirksamkeit des Medikaments ist häufig der “Bonuseffekt”.

    Besonders beeindruckend und einleuchtend finde ich die Grafik zur zeitlichen Schmerzentwicklung innerhalb der Naproxen-Studie von Bergmann et al.

    Müsste die teure, mit Nebenwirkungen verbundene, Schulmedizin ohne Placeboeffekt auskommen, dann würde sie die Schmerzen von Patienten lediglich von weiß auf blau mildern (ca. 13 Schmerzpunkte).

    Ganz ohne Schulmedizin würde man hingegen, alleine mit dem Placeboeffekt, von weiß auf rot kommen (ca. 26 Schmerzpunkte).

    Wären beide Behandlungsmethoden mit dem gleichen Aufwand verbunden, müsste man aus Effizienzgründen eindeutig die Placebo-Methode wählen. Dieser Vergleich wird noch deutlicher, wenn man den Aufwand der Pharmaindustrie dem “billigen” Informationsplus der Placebo-Methode gegenüberstellt.

    Die Kombination beider Behandlungsmethoden hätte die Erleichterung weiterer 4 Schmerzpunkten, gegenüber der reinen Placebo-Methode, zur Folge. Im Fall der Studie bedeutet dies: 86,6% Wirkung für null Euro und 13,3% Wirkung für die Kosten der Pharmaindustrie und die Nebenwirkungen des Medikaments. Selbst der “Bonuseffekt” der Schulmedizin, wäre angesichts der hierfür zu zahlenden Kosten evtl. abzulehnen.

  3. Neuraltherapie.Blog schreibt:
    30th.Mai 2011 um 16:48

    Apeiron schrieb:

    “Mein Fazit für diesen Artikel ist: Nicht der Placebo-Effekt sondern die Wirksamkeit des Medikaments ist häufig der “Bonuseffekt”.”

    Ihr Argumentation macht Sinn. Offen ist nur, bei welchen Indikationen, in welchem therapeutischen Kontext und wie häufig der Verumeffekt den Charakter eines kleinen und durch Nebenwirkungen teuer erkauften “Bonuseffekts” hat.

    Die genannten Studien lassen sich nicht pauschal verallgemeinern. Es könnte z. B. sein, dass Placeboeffekte (im Sinne der erweiterten Begriffsnutzung) rund um chronische Krankheiten von großer Bedeutung sind, bei akuten lebensbedrohlichen Krankheiten jedoch eine viel geringere Rolle spielen.

    Redaktion Neuraltherapie.Blog
    Claus Fritzsche

  4. Placeboeffekte in der Medizin: evidente hirnphysiologisch und hirnanatomisch lokalisierbare Prozesse. Interview mit Prof. Dr. Stefan Schmidt. | Neuraltherapie.Blog schreibt:
    5th.Juni 2011 um 10:40

    [...] Forschungslage: Placebo in der Medizin. Experten raten, den Placeboeffekt stärker für die Therapie… | [...]

  5. Studie der Uni Bremen: „Perspektiven von Patientinnen und Patienten auf ihre Versorgung durch homöopathisch tätige Ärzte und Ärztinnen“ (→ Leitung Prof. Dr. Norbert Schmacke) | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    18th.Juni 2011 um 11:15

    [...] in der Medizin: evidente hirnphysiologisch und hirnanatomisch lokalisierbare Prozesse.“ → Unterschied zwischen Wirksamkeit und Wirkung). In der Studie wurde allerdings weder die Wirksamkeit noch die Wirkung und stattdessen [...]

  6. Stephan schreibt:
    1st.Juli 2011 um 10:50

    Interessanter Artikel. Danke für die gut recherchierten Informationen!

  7. Lesetipp: Neue Erkenntnisse zur Kraft der Selbstheilung. (→ stern GESUND LEBEN, 6/2011, → Placeboforschung) | CAM Media.Watch schreibt:
    21st.November 2011 um 18:38

    [...] Forschungslage: Placebo in der Medizin. Experten raten, den Placeboeffekt stärker für die Therapie… x Leseprobe „Weg mit den Pillen!“ – Selbstheilung oder warum wir für unsere Gesundheit [...]

  8. Marie schreibt:
    28th.Februar 2012 um 17:08

    ein extrem guter Artiel, sehr informativ, vielen Dank. Ic hhabe mir bislang kaum gedanken um Placebos gemacht ich habe es immer als eine eher amüsante Randerscheinung gesehen. Ich bin gespannt, was man in Zukunft noch zu dem Thema zu lesen bekommt!

Kommentare