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Placeboeffekte in der Medizin: evidente hirnphysiologisch und hirnanatomisch lokalisierbare Prozesse. Interview mit Prof. Dr. Stefan Schmidt.

Von Claus Fritzsche | 5.Juni 2011

Im letzten Blogbeitrag ging es um die Forschungslage zum Thema „Placebo & Placeboeffekte in der Medizin“. Es wurde deutlich gemacht, dass Therapien mit geringen spezifischen Effekten (ergo: niedriger Evidenz) Interventionen mit starken spezifischen Effekten (ergo: hoher Evidenz) in Hinblick auf die für den Patienten entscheidende Wirkung signifikant überlegen sein können. Im folgenden Interview mit dem Psychologen Prof. Dr. Stefan Schmidt (→ ZEIT ONLINE: Lernen, mit dem Leiden umzugehen) wird nun deutlich, dass die Placeboforschung weitere spektakuläre Denkanstöße gibt. Die Grenzen zwischen Verum- bzw. Wirkstoffeffekt und Placeboeffekt verschwimmen immer stärker. Vermeintliche Verumeffekte entpuppen sich bei genauerer Untersuchung als Placeboeffekte – und zwar in der konventionellen Medizin. Im Gegenzug erweist sich der Placeboeffekt nicht als Störung der Wahrnehmung sondern als handfester neurobiologischer Effekt, der im Gehirn, ja sogar im Rückenmark und im Körper Spuren hinterlässt – ganz so wie pharmakologische Wirkstoffe. Kein Wunder also, dass die moderne Placeboforschung inzwischen zu einem spannenden Gebiete der medizinischen Grundlagenforschung geworden ist.

Prof. Schmidt auf dem Kongress MEDITATION & WISSENSCHAFT 2010

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Interview mit Prof. Dr. Stefan Schmidt

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Herr Schmidt, die Bundesärztekammer plädiert dafür, den Placeboeffekt stärker als bisher in der ärztlichen Praxis zu berücksichtigen und spricht von einer „sich dynamisch entwickelnden Placeboforschung“. Was genau ist damit gemeint?

Prof. Dr. Stefan Schmidt: Das Placebo erfährt in den letzten Jahren eine große Bedeutungswandlung. Diese kommt mit der erwähnten Stellungnahme der Bundesärztekammer nun auch in der Versorgung an.

Bisher hat man Placebo immer als ein störendes Moment wahrgenommen, als einen schwer zu greifenden sehr unspezifischen Einflussfaktor, der die Forschung nach der Wirkweise von Substanzen und Verfahren behindert. Studien müssen „placeobkontrolliert“ sein, also diese Störung sozusagen eliminieren.

Und nun sieht man die Chancen des Placeboeffekts?

Prof. Dr. Stefan Schmidt: Genau so ist es. Als erstes hat man in den USA in den 1990er Jahren erkannt, dass in diesem Placeboeffekt auch eine ungeheure Chance liegt. Die Idee ist, dass uns eigentlich ja nichts Besseres passieren kann, als dass wir von einer inaktiven Substanz, z. B. einer Traubenzuckertablette gesund werden. Die Vorteile liegen auf der Hand: kaum Kosten, keine Nebenwirkung, keine fremdem Substanzen im Körper.

Man hat sich seither vermehrt der Placeboforschung zugewandt, und dann wurde es eigentlich erst richtig interessant. Hatte man bisher gedacht, dass ein Placebo eher psychisch vermittelt, das eigene subjektive Wohlempfinden verbessert und so die Symptombewertung positive färbt, musste man nun feststellen, dass es sich hier um ein hochspezifisches physiologisches und neurobiologisches Geschehen handelt, das der Wirkweise von pharmakologischen Interventionen in nichts nachsteht.

Können Sie das etwas näher erläutern?

Prof. Dr. Stefan Schmidt: Jüngst wurde zum Beispiel nachgewiesen, dass man die Auswirkung eines Schmerzplacebos nicht nur im Gehirn, sondern auch noch im Rückenmark nachweisen kann. Die psychische Verarbeitung der scheinbaren Gabe eines Schmerzmittels wird also in handfeste physiologische und neurobiologische Prozesse umgesetzt, die weit jenseits unseres Bewusstseins liegen – das ist die Sensation. Das „Placebo“-Schmerzmittel steht dem pharmakologischen in nichts nach.

Ist das für die etablierte Pharmaforschung nicht erschreckend?

Prof. Dr. Stefan Schmidt: Die bizarre Situation, die durch diese Befunde entsteht, ist, dass wir ja per Gesetz und Forschungstradition alle unsere Medikamente und Behandlungen gegen diesen Placeboeffekt testen und ihn damit eliminieren. Wir erkennen ihn nicht und wir berücksichtigen ihn nicht. Ein riesiges medizinisches Potential, das direkt vor uns liegt und sehr hilfreich sein könnte, wird nahezu komplett ignoriert.


Sind die Naturwissenschaftler in der Medizinforschung auf dem geistigen Auge blind?

Prof. Dr. Stefan Schmidt: Man kann die historische Entwicklung, die uns an diesen Punkt gebracht hat, auch unter dem Gesichtspunkt sehen, dass in unser modernen naturwissenschaftlichen Medizin der mentale schwer greifbare Aspekt vernachlässigt wird, während der kausal gut fassbare pharmakologische Effekt klar im Vordergrund steht. Wenn man diesen „blinden Fleck“ der Forschung nun direkt angeht, ergeben sich auf einmal erstaunliche Erkenntnisse.

Wir lernen mehr und mehr, dass viele Effekte, die wir früher als pharmakologisch eingestuft haben, in Wirklichkeit auf Placebo zurückzuführen sind. Es gibt zum Beispiel Schmerzmittel, die sich ursprünglich im Test gegen Placebo durchgesetzt haben, deren Effekt aber gleich Null ist, wenn sie dem Patienten verdeckt gegeben werden. Auch sehen wir, dass die Erfolge der Antidepressiva zum allergrößten Teil auf Placebowirkungen zurückzuführen sind. Manche Befunde zeigen sogar, dass die Ausrichtung der Forschung auf das Auffinden spezifischer Effekte dazu führen kann, dass Patienten wirksamere Alternativen vorenthalten werden.

Dies ist immer dann der Fall, wenn der unspezifische Placeboeffekt größer ist als der spezifische Effekt. Ein Befund, der sich zum Beispiel in drei großen deutschen Akupunkturstudien gezeigt hat.

Was genau spielt sich bei Placeboeffekten im Körper eines Menschen ab? Geht es um psychosomatische Effekte?

Prof. Dr. Stefan Schmidt: Zunächst hat man an rein psychische Effekte geglaubt. Die Idee war, wenn man z. B. nach einer Placebogabe weniger Schmerzen empfindet, dass man dann den körperlich gleichen Schmerz als weniger störend empfindet. Aber so ist es nicht.

Man kann im Kernspintomographen zeigen, dass bei einer schmerzlindernden Reaktion auf Placebo bestimmte Areale im Gehirn aktiviert werden, die für die Schmerzmodulation verantwortlich sind. In anderen Studien hat man den Versuchspersonen unbeobachtet eine Substanz gegeben (Naloxon), die die Rezeptoren für Endorphine blockieren und der Placeboeffekt war sofort verschwunden. Durch diese Arbeiten weiß man heute genau, dass der Placeboeffekt ähnlich wie pharmakologische Effekte auf einem spezifischen neurobiologischem Geschehen beruht. Die Mechanismen unterscheiden sich dabei sogar je nach dem, wofür das Placebo gegeben wird. Ein für ein Parkinsonmittel ausgegebenes Placebo wirkt über andere Pfade und Rezeptoren als ein für ein Schmerzmittel ausgegebenes.

Ist der Begriff „Placeboeffekt“ nicht missverständlich? Es ist ja nicht der Milchzucker des wirkstofflosen Arzneimittel, der etwas bewirkt.

Prof. Dr. Stefan Schmidt: Er ist missverständlich und ich halte ihn sogar für ein großes Hindernis, um unser Verständnis für die Stimulation körpereigener Heilungsprozesse, denn darum geht es ja, zu verbessern.

Das Missverständnis beginnt damit, dass man dem Placebo selbst (also z. B. der Zuckerpille) eine Wirkung zuschreibt. Dabei kann man ja wirklich mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass diese Tablette selbst, also hier der Zucker, keine Wirkung hat. Es sind ja vielmehr die ganzen Begleitumstände, also z. B.

etc. die für die Aktivierung der Selbstheilungskräfte verantwortlich sind. Die leere Tablette ist dabei nur der Trigger, der Träger der Information oder auch der „Bedeutung“, die vermittelt wird. Moerman und Jonas (2002) haben daher das Placebo auch als Bedeutungsträger umdefiniert. In der Placeboreaktion zeigt sich damit, welche Bedeutung der Patient mit der Zuckergabe und all ihren Begleitumständen verbindet.

Was genau löst die neurobiologischen Effekte aus, die sich über Gehirn, Rückenmark auf den gesamten Körper auswirken können?

Prof. Dr. Stefan Schmidt: Es gibt zwei Mechanismen, von denen wir wissen, dass sie bei der Vermittlung von Placeboeffekten wirksam sind.

Das eine sind Lerneffekte oder auch Konditionierungen. Diese können bewusst oder unbewusst ablaufen. Ein Beispiel ist folgendes: Ein Patient nimmt seit längerer Zeit ein blutdrucksenkendes Mittel. Der Körper hat über Konditionierung gelernt, dass das Schlucken der Tablette zu einer Blutdrucksenkung führt. Wird jetzt eine „leere“ Tablette gegeben, kommt trotzdem die konditionierte Reaktion (Blutdrucksenkung). Das ist ganz ähnlich, wie wenn den Pawlow‘schen Hunden schon beim Läuten der Glocke der Speichel fließt, obwohl gar kein Futter gegeben wird.

Der zweite Mechanismus sind Erwartungen. Diese sind immer bewusst vermittelt und sie können auch schon bei der ersten Gabe auftreten. Es braucht hier keine Lerngeschichte.

Beide Mechanismen führen zu neurobiologischen Regulierungen. Dabei bedienen sie sich körpereigener Systeme zur Selbstregulation.

Nehmen wir zum Beispiel mal das Thema Schmerz. Man hat hier immer das Bild: am Finger wird gestochen, der Schmerzreiz reist über Nervenbahnen von dort zum Gehirn hoch und dann spürt man es (bottom-up). Das ist aber nur die eine Hälfte der Geschichte. Im Gehirn findet eine hochkomplexe Verarbeitung von Schmerzsignalen statt, die je nach Aspekt des Schmerzes auf verschiedene Areale verteilt ist. Hier sind auch sehr komplexe Regulationsmechanismen eingebaut, die wiederum in die entgegengesetzte Richtung, also vom Gehirn zurück an den Schmerzursprung wirken und so die Schmerzstärke regulieren können (top-down).

Das heißt, Lerneffekte und Erwartungen greifen regelrecht in die körpereigene Physiologie ein?

Prof. Dr. Stefan Schmidt: Ja, es sind besonders die internen Regulationsmechanismen, die von den Placeboeffekten genutzt werden. Und über diese können nun eben auch psychische Prozesse schmerzregulierend wirken.

Dazu zählt zum Beispiel auch ein veränderter Umgang mit Schmerz, wie man ihn in einigen Meditationsverfahren lernen kann, aber auch die Erwartung einer Linderung durch eine große, dicke, gelbe, sehr wirksam aussehende Tablette. Interessant ist dabei, dass man immer meint, hier brauche es ein Element der Täuschung. Aber dem scheint nicht unbedingt so zu sein. Neuere Befunde bestätigen, was man schon einmal 1965 herausgefunden und dann wieder vergessen hat. Man kann auch auf ehrlichem Weg eine positive und wirksame Erwartung aufbauen, indem man ein sogenanntes offenes Placebo gibt. Man sagt hier einfach, dass es sich tatsächlich um eine Zuckerpille handelt, dass diese aber schon vielen Menschen geholfen hat. In einer neueren Untersuchung zeigten sich hier eindrückliche Effekte bei Patienten, die an Reizdarm litten (Kaptchuk, et al., 2010,PLoS ONE 5(12): e15591).

In Ihrer Antrittsvorlesung an der Europauniversität Viadrina Frankfurt/Oder haben Sie geschildert, dass die Abgrenzung zwischen Verum- bzw. Wirkstoffeffekten und Placeboeffekten nicht so klar ist, wie allgemein angenommen. Können Sie das etwas erläutern?

Prof. Dr. Stefan Schmidt: Prinzipiell ist das Standardverfahren, dass man das Verum gegen das Placebo testet und es muss sich dann klar vom Placebo abheben. Dabei wird der Placeboeffekt nicht berücksichtigt. Wird das Mittel später zugelassen und verabreicht, dann wirkt es als eine Kombination beider Effekte.

Ein hypothetisches vereinfachtes Beispiel: Ein Schmerzmittel lindert den Schmerz um 20 Skalenpunkte, ein Placebo nur um 15. Das Schmerzmittel ist um 5 Punkte überlegen und darf dadurch verkauft werden, 75 Prozent seiner Wirkung sind aber nun auf unspezifische Effekte zurückzuführen und nur 25 Prozent auf den spezifischen pharmakologischen Wirkstoff. So ist der Placeboeffekt ständig präsent und aktiv, wird aber immer den pharmakologischen Substanzen zugeschrieben.

Es gibt aber noch viel paradoxere Befunde. Das vielverwendete Schmerzmittel Metamizol hat sich in Zulassungsstudien als wirksamer als Placebo erwiesen. In einer neueren Studie hat man es jetzt den Patienten heimlich über eine Infusion gegeben. Mit dieser Methode – heimliche versus offene Gabe – kann man den Placeboanteil eines Medikamentes direkt bestimmen. Und es zeigte sich, dass der Effekt bei heimlicher Gabe gleich null ist.

Das kann man damit erklären, dass dieses Mittel nicht die eingehenden Signale hemmt (bottom-up), wie man bisher gedacht hat sondern die schmerzregulierenden Mechanismen unterstützt (top-down). Es ist also mehr ein placeboverstärkendes als ein schmerzlinderndes Mittel. In der normalen Doppelblindstudie übersieht man diese Effekte völlig.

Heißt das, die konventionelle Medizin wird stärker als bisher angenommen von Placeboeffekten getragen?

Prof. Dr. Stefan Schmidt: Im Beispiel oben haben wir bereits gesehen, dass der Placeboanteil einer Behandlung oft dem pharmakologischen Wirkstoff zugeschrieben wird. Aber das ist nicht alles. Wenn man bei der momentanen Definition bleibt, dass alles, was nicht spezifisch – also z. B. pharmakologisch – ist, Placebo genannt wird, dann muss man ja konsequent weitergedacht jeden heilungsförderlichen Aspekt im Gesundheitssystem als Placebo beschreiben.

Das fängt dann mal beim ärztlichen Gespräch an, das aus dieser Perspektive ein großes Placebo ist, und geht mit den Hoffnungen, die ein kranker Mensch durch soziale Unterstützung erfährt weiter. Sieht man die Dinge aus dieser Perspektive, merkt man schnell, dass das vorherrschende Bild einer naturwissenschaftlichen-kausalen Medizin nur einen Teilaspekt der menschlichen Heilung und vor allem Selbstheilung abdecken kann.

Ist denn eine starke Selbstheilung durch neurobiologische Effekte minderwertige Medizin?

Prof. Dr. Stefan Schmidt: Es gibt viele komplexe und über das Bewusstsein vermittelte Zusammenhänge, die gesundheitsförderlich oder auch –hinderlich sein können. Die Tatsache, dass man sie nicht auf ein simples lineares Kausalmodell in einer Doppelblindstudie reduzieren kann, darf aber nicht damit verwechselt werden, dass die eventuell so gewonnene Heilung weniger wert ist, wie es der Begriff Placebo ja suggeriert.

Drängt sich da nicht der Eindruck auf, dass Placeboeffekte nur dann allgemein akzeptiert werden, wenn konventionelle Medizin – gerne auch kostspielig und mit schweren Nebenwirkungen – massiv von neurobiologischen Effekten profitiert? Wird der gleiche Effekt jedoch über die Arzt-Patient-Interaktion erreicht, so gilt er als „Pfui“?

Prof. Dr. Stefan Schmidt: So könnte man es ausdrücken. Übrigens gibt es auch bei einfachen Wirkmodellen Überraschungen: In letzter Zeit sind z. B. mehrere große Metaanalysen zur Wirksamkeit von Antidepressiva erschienen, die auch Studien berücksichtigen, die ursprünglich nicht veröffentlicht wurden (z. B. Kirsch, PlosMed, 2008). Es ergibt sich ein interessantes Bild. Die Antidepressiva haben eine recht starke Wirkung, die hochsignifikant ist, aber dieser Effekt wird zu einem Großteil vom Placeboeffekt getragen. Außer bei ganz schwer erkrankten Patienten, ist der Unterschied zwischen Placebo und Antidepressiva so gering, dass ihn der Biometriker zwar in einer großen Stichprobe signifikant rechnen kann, die Patienten den Unterschied aber nicht spüren. Es zeigt sich keine klinische Signifikanz für diese neuen und aufwändig entwickelten Medikamente. Das Ganze kann man nur als ein exzellentes Placeboritual deuten.

Für die Pharmaindustrie ist das ein großes Desaster. Aber den Patienten geht es trotzdem sehr viel besser. Dies liegt aber wohl nicht an den Serotonin wiederaufnahme-Inhibitoren sondern an der durch die Medikation entstandene Hoffnung und Erwartung. Als diese Studie 2008 erschien, hat der Direktor des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie Florian Holsboer der Süddeutschen Zeitung in einem Interview gesagt, dass diese Diskussion um den Placeboanteil der Antidepressiva den Patienten schaden würde. Das ist ja eine indirekte Bestätigung, dass es sich hier nicht um pharmakologische Effekte handelt. Meiner Meinung nach geht der Schaden jedoch eher davon aus, dass die Patienten teure Medikamente mit zahlreichen Nebenwirkungen einnehmen, wenn man gleichzeitig sieht, dass ein Hoffnung machendes medizinisches Ritual nahezu den gleichen Effekt hat.

Wie ich schon erwähnt habe, kann es sogar gut sein, dass dies ganz offen und ohne Täuschung von statten gehen kann. Dies wird die Forschung der nächsten Jahre zeigen.

Gibt es weitere ähnliche Beispiele?

Prof. Dr. Stefan Schmidt: Ja, werden Placeboeffekte als Zielgröße systematisch untersucht, so können auch viele Therapien hinterfragt werden, die über die Erfahrungsmedizin oder Einsichtsdenken in den heutigen Behandlungskanon aufgenommen wurden, aber bisher nicht hinsichtlich ihrer Wirksamkeitsmechanismen untersucht wurden. Eine der meist genannten Beispiele ist die Studie zu Kniearthrose von Moseley et al. (NEJM, 2002, 347, 81). So hat man bei Kniearthrose jahrelang eine Operation durchgeführt, bei der das Kniegelenk abgeschabt und ausgespült wurde. Früher wurde diese OP in den USA 600.000 Mal pro Jahr durchgeführt. In ihrer randomisierten Studie haben die Autoren nun bei manchen Patienten nur eine Scheinoperation durchgeführt. Es wurde derselbe Schnitt gemacht, aber nicht geschabt und/oder gespült. Die Patienten wussten nicht, ob sie eine echte Operation bekamen oder nur die Schein-OP. Der Effekt war aber bei allen gleich. Die Operation hat keine spezifische Wirkung.

Die Evidenzbasierte Medizin erweckt in der Öffentlichkeit den Eindruck, sie würde Placeboeffekte mithilfe von randomisierten doppeltverblindeten Studien ausschließen und so die spezifische Wirkung einer Intervention zuverlässig messen. Ihren Beispielen entnehme ich, dass dies nicht unbedingt der Fall ist. Warum?

Prof. Dr. Stefan Schmidt: Es ist kein Fehler Evidenzbasierte Medizin zu betreiben – im Gegenteil. Das Problem liegt in den Methoden, mit denen die Evidenz ermittelt wird. Ist diese Methode ausschließlich die doppelblinde Studie als Goldstandard, dann bekommen wir nur die Evidenz, die zu dieser Methode passt. Und diese Methode ist nun eben nicht geeignet, den Placeboeffekt zu ermitteln.

Ehrlich gesagt stellt sich jedoch die Frage: Darf man nicht auch von Placebos gesund werden? Warum muss der Effekt spezifisch sein? Das Interesse der Wissenschaft an Spezifität ist zu verstehen, aber man darf ja darüber nicht den Patienten aus den Augen verlieren.

Ein schönes Beispiel sind die GERAC-Studien. Das sind große randomisierte Studien zur Wirksamkeit von Akupunktur, die in Deutschland durchgeführt wurden. Hier hat man sich nicht nur an den Goldstandard gehalten, sondern weitere Behandlungsarme in das Studiendesign aufgenommen. Dies bringt oft zusätzliche interessante Erkenntnisse, die man sonst nicht findet.

Patienten mit Rückenschmerzen wurden auf drei Gruppen randomisiert: echte Akupunktur, Scheinakupunktur und eine Standardbehandlung (Physiotherapie plus Schmerzmittel), wie sie von der Kasse anerkannt wird. Bei der Scheinakupunktur wurde normal akupunktiert, die Nadeln aber nicht in die bekannten Akupunkturpunkte gestochen, sondern an andere, laut chinesischer Theorie inaktive Punkte fernab der Meridiane.

Das Ergebnis der GERAC-Studien war: Es  zeigte sich kein Unterschied zwischen den beiden Akupunkturmethoden. Also müsste gemäß der gängigen Logik Akupunktur als Placebo bezeichnet und daher aus der Behandlungsliste gestrichen werden. Nun kam aber der Vergleich zur Standardbehandlung und hier zeigten beide Akupunkturbehandlungen deutlich bessere Therapieeffekte (45% gebessert) als das Standardvorgehen (27% gebessert). Hier ist das Placebo also der spezifischen Standardtherapie klar überlegen.

Es hängt somit vom Studiendesign ab, ob man das erkennt oder nicht. Harald Walach nennt diesen Umstand Wirksamkeitsparadox.

Missachtet die Evidenzbasierte Medizin teilweise den Patientennutzen?

Prof. Dr. Stefan Schmidt: Mit dem, was uns gerade als Evidenzbasierte Medizin vorgeschrieben wird, würde man diesen Effekt übersehen, und die Patienten mit der unwirksameren Methode behandeln. Das ist eine fatale Entwicklung.

Das Problem mit der Evidenzbasierten Medizin ist, dass es keine Evidenz darüber gibt, was man als Evidenz anerkennt. Momentan hat ein relativ eng gefasstes, auf spezifische Effekte gerichtetes Methodeninventar den Ruf, Evidenz zu klassifizieren. Dieses Modell passt sehr gut zu einem analytischen, an einer Wirksubstanz orientierten Zugang, wie er von der Pharmaindustrie bevorzugt wird. Komplexe, ganzheitliche Interventionen, wie man sie in der Komplementärmedizin häufig findet, sind hier benachteiligt. Die Auswahl der Methoden der Evidenzbildung geschieht auf Grundlage sozialer Absprachen. Wer hier die Nase vorne hat, entscheidet damit auch, was als evidenzbasiert anerkannt wird. Die scheinbar so objektive Evidenz hat also eine sozial verhandelte Grundlage. Die Placeboforschung zeigt, dass hier einige Revisionen dringend nötig sind, wenn wir nicht ein großes Heilpotential verschenken wollen.

Herr Prof. Schmidt, vielen Dank für dieses spannende Gespräch.

Das Interview führte Claus Fritzsche.

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Video-Link zum Thema:

„Alles Placebo? Die Debatte um die Komplementärmedizin“
Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Stefan Schmidt als Video

Das gleiche Video direkt im Mediaplayer abspielen (bessere Qualität)

PDF: Powerpoint-Präsentation zum Video „Alles Placebo?“

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Über Prof. Dr. Stefan Schmidt

Der Psychologe Stefan Schmidt lehrt an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) Komplementärmedizin für approbierte Ärzte. 2010 trat Schmidt dort eine Stiftungsprofessur für Transkulturelle Gesundheitswissenschaften an. Diese ist dem Institut für Transkulturelle Gesundheitswissenschaften (IntraG) zugeordnet und unterstützt den Master-Studiengang „Komplementäre Medizin, Kulturwissenschaft, Heilunde“. Gleichzeitig leitet er am Universitätsklinikum Freiburg die „Akademische Sektion Komplementärmedizinische Evaluationsforschung“ am Institut für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene. Dort hat er die Forschungsgruppe „Meditation, Achtsamkeit und Neurophysiologie“ gegründet und sich in diesem Rahmen zuletzt vor allem mit dem Einfluss von Meditation und Achtsamkeit auf Gesundheit beschäftigt. Er ist Initiator des Netzwerks Achtsamkeitsforschung und hielt zuletzt eine Teilzeitprofessur an der Universität Utrecht zur Bewusstseinsforschung inne.

Curriculum Vitae (PDF)Publikationen (HTML)

„Lernen, mit dem Leiden umzugehen“, Interview von Ulrich Schnabel mit Stefan Schmidt, DIE ZEIT, 12.02.2011

Universitäts-Klinikum Freiburg, Presse- und Medienseite

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IntraG-Links

Institut für Transkulturelle Gesundheitswissenschaften (IntraG)

Master-Studiengang „Komplementäre Medizin, Kulturwissenschaft, Heilunde“

Neues Wahlpflichtmodul “Krankheit als ordnendes Prinzip” im Rahmen des Masterstudienganges KMKH – siehe auch: Flyer zu diesem Modul

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Themen: Claus Fritzsche | 7 Kommentare »

7 Kommentare to “Placeboeffekte in der Medizin: evidente hirnphysiologisch und hirnanatomisch lokalisierbare Prozesse. Interview mit Prof. Dr. Stefan Schmidt.”

  1. Zwei Meta-Analysen zur Akupunktur mit unterschiedlicher Bewertung – Klaus Linde & Asbjørn Hróbjartsson et al. | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    5th.Juni 2011 um 11:22

    [...] 3 – „Placeboeffekte in der Medizin: evidente hirnphysiologisch und hirnanatomisch lokalisierbare [...]

  2. Studie der Uni Bremen: „Perspektiven von Patientinnen und Patienten auf ihre Versorgung durch homöopathisch tätige Ärzte und Ärztinnen“ (→ Leitung Prof. Dr. Norbert Schmacke) | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    18th.Juni 2011 um 11:12

    [...] über unspezifische Faktoren einen großen Einfluss auf die Wirkung einer Therapie haben (→ „Placeboeffekte in der Medizin: evidente hirnphysiologisch und hirnanatomisch lokalisierbare Proze… → Unterschied zwischen Wirksamkeit und Wirkung). In der Studie wurde allerdings weder die [...]

  3. Journalismus und wissenschaftliche Kontroversen: „Mehr Überblick und Hintergrund statt nur Diskursfragmente“ rät Stefan Riedl | CAM Media.Watch schreibt:
    27th.Juni 2011 um 12:32

    [...] Placeboeffekte in der Medizin: evidente hirnphysiologisch und hirnanatomisch lokalisierbare Prozesse… [...]

  4. Leseprobe: „Weg mit den Pillen!“ – Erstes populärwissenschaftliches Buch von Prof. Dr. Dr. Harald Walach. | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    31st.Juli 2011 um 11:59

    [...] Wirkung von Spiritualität und Achtsamkeitsmeditationen auf die Gesundheit sowie die Entstehung des Placeboeffekts. Neben zahlreichen Fachpublikationen ist „Weg mit den Pillen!“ sein erstes [...]

  5. Stephan Dörner: Hoax im Handelsblatt? Guter Blogger, böser Boiron-Konzern und eine geschickte Inszenierung. | CAM Media.Watch schreibt:
    30th.August 2011 um 17:18

    [...] lustig machen würden, dessen Wirkung fast ausschließlich von Placeboeffekten getragen wird (5) und dessen Wirkstoff in erster Linie für schädliche Nebenwirkungen verantwortlich ist. Kritik an [...]

  6. Lesenswert: „Die neue Heilkunst“ von Petra Thorbrietz (GEO Magazin 08/11) und das Individuum in der Medizin. | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    10th.September 2011 um 11:40

    [...] Effekte auslösen, die der Wirkweise pharmakologischer Interventionen in nichts nachstehen (4) – im positiven wie im negativen Sinne. Autos, Bagger und Staubsauger sind dazu bisher noch [...]

  7. Knapp daneben, aber mitten ins Ziel – Ein Kommentar zu Markus C. Schulte von Drach: „Umstrittenes Heilverfahren Homöopathie“ (→ Sueddeutsche.de) | CAM Media.Watch schreibt:
    21st.Februar 2012 um 08:45

    [...] Und selbst wenn es so wäre, so müsste man noch immer überlegen, ob nicht mit einem harmlosen Placebo, das dennoch sehr vielen Menschen hilft, mehr Nutzen erzeugt wird, als mit Medikamenten, deren [...]

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