« | Home | »

Welche Krankheiten lassen sich mittels Neuraltherapie effektiv heilen? Wann ist die Neuraltherapie eine therapeutische Option? (→ Indikationen)

Von Claus Fritzsche | 24.September 2011

„Die Neuraltherapie nach Huneke soll bei schwer zu heilenden Krankheitsbildern wie z. B. Migräne (1) erfolgreich sein. Hilft sie mir auch? Ich leide schon seit Jahren unter Kopfschmerzen (Knieschmerzen, Asthma, chronischer Erschöpfung usw. usw.)“ So oder ähnlich fragen Patienten, die zum ersten Mal von den teils spektakulären Erfolgen einer Injektionsbehandlung mit Medikamenten zur lokalen Betäubung (Lokalanästhetika) hören und die in der konventionellen Medizin noch keine Lösung für ihre oftmals chronische Erkrankung gefunden haben. Wann ist die Neuraltherapie eine therapeutische Option? Der folgende Blogbeitrag soll diese typische Patientenfrage fachlich fundiert beantworten. Meine Ausführungen basieren auf dem Kapitel „6.2 Indikationen“ des „Handbuchs Neuraltherapie“ von Dr. med. Stefan Weinschenk. Dieses Buch wurde 2010 bei URBAN & FISCHER (ELSEVIER) veröffentlicht und ist im Moment das aktuellste Standardwerk der Neuraltherapie-Literatur. Was es für Ärztinnen und Ärzte so interessant macht, das erläuterte Herausgeber Stefan Weinschenk in einem ELSEVIER-Interview.

Indikationen Neuraltherapie

Sprechen Ärzte von einer Indikation, so meinen sie damit den Grund für den Einsatz einer bestimmten therapeutischen oder diagnostischen Maßnahme. Indikation leitet sich von lateinisch indicare (= anzeigen) ab und meint das „Angezeigtsein“ einer bestimmten Behandlung.

Hier geht es nun um die Frage: Wann ist die Neuraltherapie eine effektive therapeutische Option? Dr. med. Stefan Weinschenk unterscheidet u.a. zwischen schweren und leichten Erkrankungen, diversen Indikationsgruppen und der Neuraltherapie in der Primärversorgung. Erfahren Sie nachfolend, was damit gemeint ist:
x

1. Schwere chronische Erkrankungen und leichte Befindlichkeitsstörungen

Die Wissenschaftsjournalistin Petra Thorbrietz erläuterte kürzlich im Magazin GEO, warum moderne Medizinforschung und Evidenzbasierte Medizin (EbM) oftmals zu Ergebnissen kommen, die für große Teile der Bevölkerung nicht repräsentativ sind (2). Das Problem: Weil die klinische Prüfung von Medikamenten und Therapien überwiegend in Studien mit einem hohen Anteil an komplizierten Fällen stattfindet, repräsentiert die EbM nur ca. 0,5 Prozent der Patienten und schließt viele Menschen aus, die unter Zweit- und Dritterkrankungen leiden. Klinische Studien werden in der Regel für ein bestimmtes Untersuchungsziel „konstruiert“ und bilden die Alltagswirklichkeit nicht korrekt ab. Große Patientengruppen mit komplexen vielschichtigen Erkrankungen fallen durch den Rost der EbM-konformen Medizinforschung. Genau solchen Patienten bieten neuraltherapeutisch arbeitende Ärztinnen und Ärzte eine effektive Therapieoption. Weinschenk schreibt (3):

„Häufig findet der Patient mit einem schweren chronischen Leiden erst nach vielen frustranen Therapieversuchen zu einem neuraltherapeutisch erfahrenen Kollegen. Es finden sich daher in den neuraltherapeutischen Praxen häufig Patienten mit langjährigen, außerordentlich komplexen Krankheitsbildern, die mit letzter Hoffnung zum Neuraltherapeuten kommen und denen oft genug noch geholfen werden kann. In der Tat erlebt man in Einzelfällen hierbei auch hochdramatische spektakuläre Besserungen nach einem langen Leidensweg.“


Als weitere Patientengruppe, die ebenfalls „sehr gut“ und  „sehr schnell“ von der Neuraltherapie profitiert, nennt Weinschenk Patienten mit leichten Befindlichkeitsstörungen, diffusen, d. h. diagnostisch schwer fassbaren Beschwerden und sog. psychosomatischen Leiden. Diese Patientengruppe wird in der konventionellen Medizin zu schnell über das Schlagwort „Der eingebildete Kranke“ ausgegrenzt, hat jedoch einen starken subjektiven Leidensdruck und leidet unter einer objektiven Einschränkung ihrer Leistungsfähigkeit und Lebensqualität. Paradox ist, dass 70 Prozent der Krankheitskosten in Industriestaaten (4) durch chronische Leiden entstehen, die moderne Medizin hier jedoch kaum kurative (heilende) Therapien anbietet.

Neuraltherapeutisch arbeitende Ärztinnen und Ärzte nehmen diese immer größer werdende Patientengruppe ernst. Sie bieten chronischen und psychosomatisch Kranken eine effektive und nahezu nebenwirkungsfreie Therapieoption an. Als Autor dieses Blogbeitrags spreche ich hier auch aus eigener Erfahrung mit schweren Bauchschmerzen, die mich in die Ambulanz eines Düsseldorfer Krankenhauses führten, dort große Ratlosigkeit auslösten („Schmerzen ohne körperlich-organischen Befund“) und nach einer neuraltherapeutischen Behandlung vollständig verschwanden. Solche Erfolge sind nicht garantiert und es muss in jedem Einzelfall geprüft werden, was therapeutisch sinnvoll und angezeigt (indiziert) ist. Mein persönlicher Rat lautet jedoch: Es kann sich lohnen, die Neuraltherapie einmal auszuprobieren. Das Nebenwirkungs-Risiko einer lege artis durchgeführten Behandlung ist gering.
x

2. Indikationsgruppen

Um in der Vielzahl an Krankheitsbildern nicht den Überblick zu verlieren, nennt das „Handbuch Neuraltherapie“ eine Reihe von Indikationsgruppen, bei denen die Neuraltherapie sinnvoll, schonend und effektiv sein kann:

Hauptsymptom Schmerz: chronische Schmerzen an Kopf, Organen, Bewegungsapparat etc., Phantomschmerz, Neuralgien

Funktionelle Störungen: Beschwerden oder Krankheitsbilder mit erheblichen körperlichen Beeinträchtigungen, bei denen jedoch kein körperlicher Befund zu erheben ist. Zum Beispiel Reizmagen, Reizdarm, Herzrhythmusstörungen oder Unterbauchbeschwerden ohne organischen Befund.

Entzündungen: bakterielle, virale sowie unspezifische Entzündungen

Degenerative Erkrankungen: z. B. Degeneration des Bewegungsapparats, der inneren Organe, des Nervensystems, der Gefäße, der Haut oder der Schleimhaut (→ Was ist eine degenerative Erkrankung?)

Allergien: Heuschnupfen, Asthma, Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Störfeldbedingte Regulationsstörungen: z. B. vegetative Störungen, Befindlichkeitsstörungen, Erschöpfungszustand (→ Was verstehen Neuraltherapeuten unter einem Störfeld?)

Akute Notfälle: Insektenstich, Gallenkolik
x

3. Primärversorgung

Sprechen Ärzte von „Primärversorgung“, so meinen sie die erste medizinische Anlaufstelle für Menschen mit einem gesundheitlichen Problem. Niedergelassene Allgemeinärzte aber auch Klinikambulanzen betreiben Primärversorgung. Im Gegensatz dazu gehören z. B. Fachärzte und Spezialisten zur „Sekundärversorgung“. Das „Handbuch Neuraltherapie“ nennt folgende Gründe, warum die Neuraltherapie die Anforderungen an eine Primärversorgung von Beschwerden in idealer Weise erfüllt – und zwar unabhängig davon, ob sie mit Schmerz als Hauptsymptom einhergehen oder sich in anderer Form äußern:
x
Neuraltherapie

Der Effekt ist unmittelbar kontrollierbar (z. B. durch Änderung des Palpationsbefundes oder der subjektiven Befindlichkeit).“
x
x
Die Stärke der Neuraltherapie zeigt sich besonders dann, wenn man sie mit anderen Verfahren vergleicht, die üblicherweise in der Erstversorgung zum Einsatz kommen:

Da Ärzte selten in der Neuraltherapie ausgebildet sind, sieht Stefan Weinschenk in der Primärversorgung noch erheblichen Nachholbedarf. „Sobald mehr wissenschaftliche Studien darüber veröffentlicht sind, wird es den Ärzten leichter fallen, diese Methode auch anzuwenden“, sagte er mir in einem Hintergrundgespräch.

x

Kontraindikationen Neuraltherapie

So genannte Kontraindikationen geben Faktoren bzw. Umstände an, die gegen eine diagnostische oder therapeutische Vorgehensweise sprechen. Eine Übersicht der Neuraltherapie-Kontraindikationen folgt in einem zukünftigen Beitrag hier im Neuraltherapie.Blog.
x
x

Quellen:

(1) Neuraltherapie.Blog, Migräne heilen mittels Neuraltherapie: Erfahrungen und Studienlage. Interview mit Dr. med. (I.) Hagen Huneke. – 14.09.2010

(2) H.Blog: „Die neue Heilkunst“ von Petra Thorbrietz (GEO Magazin 08/11)

(3) Dr. med. Stefan Weinschenk (Hrsg.), Handbuch Neuraltherapie – Diagnostik und Therapie mit Lokalanästhetika, URBAN & FISCHER, 2010, Seite 191

(4) Petra Thorbrietz, „Die neue Heilkunst“, GEO Magazin 08/11, Gratis-PDF (Textversion), Seite 1
x
x
x

Link zum Thema:

Warum Procain? Neuraltherapie und die Funktion des Lokalanästhetikums (Teil 1)
x
x
Home
x

Themen: Neuraltherapie.Blog | Kein Kommentar »

Kommentare