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„Crashkurs Wikipedia“: Dr. Marius Beyersdorff erklärt, wie Wikipedia „funktioniert“ und teilweise von Interessengruppen missbraucht wird.

Von Claus Fritzsche | 29.Februar 2012


„Wer definiert Wissen?“ lautet der Titel eines Buches von Dr. Marius Beyersdorff, welches der spannenden Frage nachgeht, wie Wikipedia-Artikel zu kontrovers diskutierten Themen ausgehandelt werden und welche informellen Machtstrukturen dabei wirksam sind. Der Klappentext des Buches vermittelt ein wenig den Charme trockener akademischer Materie. Aus meiner Sicht ist die Dissertation des Medizinökonoms Dr. Beyersdorff jedoch ein spannendes Grundlagenwerk mit praktischem Nutzen. „Wer definiert Wissen?“ dokumentiert, durch welchen Prozess Wissen bei Wikipedia ausgehandelt wird und wie Interessengruppen die Online-Enzyklopädie teilweise für sich instrumentalisieren. Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung kommen Interessengruppen jedoch nicht zwangsläufig von außen. Für Aufsehen sorgen vielmehr mächtige Insider aus der Wikipedia-Community, die sich im Rahmen informeller Bündnisse gegenseitig die Bälle zuspielen und Wikipedia damit zu einer teilweise geschlossenen Gesellschaft machen. Wer sich für Wissen, Kommunikation und Online-Medien interessiert, der kann dieses Buch getrost als „Pflichtlektüre“ einstufen.

Medizin: Wikipedia auf dem Prüfstand

„Wikipedia bietet uns Gesundheitsinformationen hoher, mittlerer und auch sehr niedriger Qualität. Welche Qualität ein bestimmter Artikel hat, das erfahren wir leider nicht. Ein großes Geheimnis bleibt auch die Frage, welche Autoren mit welcher Qualifikation und mit welcher Motivation einen Artikel verfasst haben.“ So lautet die Quintessenz einer Art „Meta-Analyse“, die ich kürzlich bei CAM Media.Watch veröffentlicht habe (1). Um meinen Lesern eine grobe Vorstellung davon zu vermitteln, wie stark die Qualität von medizinischen und Gesundheitsinformationen bei Wikipedia variieren kann, habe ich vier wissenschaftliche Analysen zu den Themen „Evidenzbasierte Patienteninformationen“, „Zahnmedizin“, „Neuraltherapie“ (Thema dieses Blogs) und „Arzneimittel“ vorgestellt. Eine Analyse von Annette Lorenz kam zu dem Ergebnis, dass 84 Prozent aller 285 zahnmedizinischen Artikel zum Zeitpunkt der Untersuchung „richtiges Wissen“ vermittelten. Die anderen drei Analysen waren weniger schmeichelhaft. Negativer Ausreißer war und ist bis heute der tendenziöse Wikipedia-Artikel über die Neuraltherapie (2), der schon seit Jahren grob irreführende Informationen vermittelt.

Wie ist es möglich, dass ein Wikipedia-Artikel die Öffentlichkeit nicht nur vorübergehend sondern über Jahre hinweg in die Irre führt, wahrscheinlich sogar als Instrument ideologischer Grabenkriege bewusst missbraucht wird? Wer eine Antwort auf diese Frage sucht, dem eröffnen sich nach der Lektüre von „Wer definiert Wissen?“ neue Horizonte. Dr. Marius Beyersdorff hat für seine Diskursanalyse den Homöopathie-Artikel gewählt. Die von ihm dokumentierten Muster und Strukturen lassen sich jedoch auf kontrovers diskutierte Themen jeder Art übertragen.
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Wissensaushandlungsprozesse

Qualitative Analysen der freien Enzypklopädie Wikipedia werden schon seit Jahren immer wieder einmal durchgeführt. Das Buch erwähnt diesbezüglich u.a. Untersuchungen der Computerzeitschrift c’t (2004), der Zeitschrift nature (2005) sowie des Magazins stern (2007), die allerdings keine endgültigen Schlüsse zulassen, weil es bei Wikipedia keinen Redaktionsschluss gibt. Was gestern für gut befundene wurde, das kann heute schon in wesentlichen Punkten verändert worden sein. Interessanterweise gehen Wikipedia-Analysen gewöhnlich nur der Frage nach, welche Qualität Informationen der freien Online-Enzyklopädie haben. Die ebenso interessante Frage, wie kollaborative Prozesse innerhalb der Wikipedia-Community funktionieren, wird hingegen nicht beleuchtet. Marius Beyersdorff hat diesen Mangel nun erschöpfend behoben. Zwischen dem 14.11.2002 und dem 23.07.2009 analysierte er am Beispiel des Artikels „Homöopathie“, wer Wissen aufbereitete bzw. aufbereiten durfte. Drei Begriffe sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung: Wissen, Aushandlung und Prozess. Beyersdorff schreibt (3):

„Jeder Autor verfügt zunächst über die gleichen Bearbeitungsrechte und trägt sein Wissen über ein bestimmtes Thema zur Erstellung eines Artikels bei, doch dieser ist nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt als final gegeben anzusehen, vielmehr ist es ein langanhaltender Prozess, in dem das Wissen der Diskursteilnehmer ausgehandelt wird. In diesem Zusammenhang spielen subjektive Einflüsse bzw. Haltungen der Diskursteilnehmer im Sinne einer subjektiven Konstruktion von Wirklichkeit bzw. Wissen eine maßgebliche Rolle

… Die Wikipedia stellt einen abgeschlossenen Konstruktionsort für Wissen dar, in dem Wissensaushandlungsprozesse in einem Kontext von Machtkonstellationen stattfinden bzw. in einer unmittelbaren Verbindung zu Machtstrukturen stehen“.
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Wie Wikipedia „funktioniert“

Wer Wikipedia von Grund auf verstehen will, für den sind so genannte Wissensaushandlungsprozesse ein Merkmal von zentraler Bedeutung. Die Art und Weise, wie Wissen in der Wikipedia-Community prozessartig verhandelt wird, entscheided darüber, wer Artikel beeinflussen kann (medialen Einfluss hat) und wer am Katzentisch Platz nehmen darf. Im Falle von kontrovers diskutierten Themen hängt dieser Prozess weniger von der Relevanz dessen ab, was Autorinnen und Autoren einbringen können. Von großer Bedeutung ist hingegen die informelle Machtstruktur bzw. das Netzwerk, dem Autorinnen und Autoren angehören. Nur wer Macht hat, die eigene Artikelversion durch Sperrungen schützen oder „renitente“ Autoren sperren kann, der kann sich in Konflikten (Edit Wars) durchsetzen. Einzelpersonen sind dazu nicht in der Lage, auch wenn sie Admin-Rechte haben. Wer jedoch Teil eines informellen Netzwerks ist, der kann sich sogar regelwidrig verhalten, ohne Sanktionen befürchten zu müssen.
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Exkurs: Wikipedia & Macht

Wie einfach so etwas ist, das habe ich 2007 nach einer mehrmonatigen Recherche über Nina Gerlach festgestell. Die Mikrobiologin Nina Gerlach gehört zu den Wikipedianern der ersten Stunde, steht der so genannten Skeptiker-Bewegung nahe, einer streng dogmatischen ideologischen Gruppierung, war von August 2006 bis Juli 2007 Mitglied des Vorstandes von Wikimedia Deutschland e. V. (wofür man Unterstützer bzw. ein Netzwerk benötigt) und fiel 2007 immer wieder durch Verhalten auf, welches meiner Meinung nach aggressiv und teilweise regelwidrig war. Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht verwunderlich, dass es eine Menge Schiedsgerichtsverfahren gab, im Rahmen derer sich Benutzer über Nina Gerlach beschwerten. 2007 zählte ich insgesamt 11 gegen Benutzer Nina gerichtete Beschwerden bzw. Schiedsgerichtsverfahren. Neben dem sehr aufschlussreichen „Vermittlungsausschuss/Probleme zwischen Nina und Micha S“ gab es auch die Schiedsgerichtsanfrage „Clusterbildung und generelle Anti-Alternativmedizinhaltung“.

Dieses Schiedsgerichtsverfahren sollte der Frage nachgehen, warum Wikipedia-Artikel zum Themenkomplex „Komplementärmedizin“ in vielen Fällen nicht neutral formuliert sind bzw. einen negativen „Spin“ haben. Darüber hinaus sollte der Verdacht geprüft werden, ob es mehrere Benutzer mit Admin-Rechten gibt, die für dieses Problem verantwortlich sind und die im Verband vorgehen, um ihre persönlichen Meinung (POV) gewaltsam durchzuboxen. Interessanterweise konnten alle diese Fragen nie erörtert werden. Die Schiedsgerichtsanfrage „Clusterbildung und generelle Anti-Alternativmedizinhaltung“ wurde nicht zugelassen, obwohl sie die Voraussetzungen für die Anrufung eines Wikipedia-Schiedsgerichts erfüllte.

Das Verfahren wurde mit lapidarer Begründung abgelehnt. In der diesen Fall ablehnenden Admin-Liste finden sich u. a. „Henriette“ (Ex-Kollegin von Nina im Vorstand von Wikimedia Deutschland e. V. und ebenfalls Anhängerin der Skeptiker-Bewegung) und Benutzer „Thogo“, der auf dem hier verlinkten Foto bei einer Stammtisch-Runde gemeinsam mit Nina Gerlach abgebildet ist. In einem seriösen nach rechtsstaatlichen Grundsätzen durchgeführten Schiedsgerichtsverfahren wäre es absolut undenkbar, dass Freunde der angeklagten Person ein Verfahren ablehnen könnten. Warum aber ist so etwas bei Wikipedia möglich? Meine These lautet: Da die Akteure überwiegend anonym agieren, in jahrelanger und mühsamer Fleißarbeit etablierte Netzwerke nutzen und sich die Öffentlichkeit für Wikipedia-Machtstrukturen nicht interessiert, wird solches Verhalten bei Wikipedia leicht gemacht wenn nicht sogar systembedingt gefördert.

Foto: von Tino Strauss, Original-Titel: „Admins, wo man auch hinsieht… Mathias Schindler, Nina, Uwe G., Nichtich und Thogo“ (25. März 2007) – Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported.
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Für mich persönlich entstand damals der Eindruck, dass Wikipedia zwar über ein durchdachtes Regelwerk verfügt, jedoch keinerlei Mechanismen besitzt, die davor schützen, dass dieses Regelwerk von Insidern ausgehebelt wird. Effektive Schutzmechanismen würden deutlich mehr TRANSPARENZ – insbesondere transparente Machtstrukturen – voraussetzen. Nach meiner Beobachtung ist diese TRANSPARENZ jedoch auf Seiten der Wikipedia-Community unerwünscht. Das wiederum kann ich gut verstehen. Wer gibt schon freiwillig Macht ab.
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Wertvolle Hintergrundinformationen

Google Books bietet eine Leseprobe an, die verschiedene Stellen des Buches wie z. B. Inhalts-Verzeichnis, Vorbemerkung, Vorgehensweise und Methodik, Zusammenfassung der Ergebnisse ganz oder in Teilen wiedergibt. Die von Google Books präsentierten Textpassagen machen allesamt deutlich, dass es hier um eine Dissertation in akademischer Sprache und nicht um schnell konsumierbares Infotainment geht. Aus meiner Sicht ist den Leseproben jedoch nicht zu entnehmen, wie viele Diamanten „Wer definiert Wissen?“ über das ganze Buch verteilt versteckt. Dr. Marius Beyersdorff stellt seinen Lesern eine Menge wertvoller Grundlagen- und Hintergrundinformationen zur Verfügung.

Hier drei Beispiele:
Wissen Sie, was sich bei Wikipedia hinter dem Begriff „Steward“ versteckt? Ich kannte diesen Begriff zuvor nicht und habe ihn erst im Kapitel Nutzerklassifikation gefunden. Ein „Steward“ ist ebenso wie ein „Bürokrat“ eine Person, die bei Wikipedia bestimmte Rechte vergeben kann und über eine erhebliche Machtfülle verfügt. – Bisher war ich der Meinung, Wikipedia hätte transparente und demokratische Strukturen. Nach der Lektüre von „Wer definiert Wissen?“ weiß ich nun, dass die Machtstrukturen der Wikipedia-Community komplex sind und Elemente von Anarchie, Heterarchie, Demokratie, Meritokratie, Technokratie und Diktatur enthalten. – Kennen Sie den Unterschied zwischen einer Diskussion und einem Disput? Dr. Marius Beyersdorff erläutert auf Seite 36 seines Buches, welche Merkmale in einer Artikel-Diskussion darauf hindeuten, dass es den Autoren nicht um eine konstruktive Diskussion und stattdessen um eine ideologisch motivierte Schein-Debatte geht. In einer Diskussion werden rationale und logisch stringente Argumente ausgetauscht. Eine Diskussion führt zu Meinungsänderungen. Ein Disput zeichnet sich im Gegensatz dazu durch Rhetorik, irrationale Argumente und subjektive Wahrnehmung aus. Die Teilnehmer eines Disputs lassen Argumente nicht zu und verharren in ihren starren Positionen.
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„Wer definiert Wissen?“ ist keine Bedienungsanleitung, die mit den Grundfunktionen von Wikipedia und der Software MediaWiki vertraut macht. Das Buch erläutert stattdessen die Grundlagen kollaborativen Arbeitens innerhalb der Wikipedia-Community. Es zeigt, wie kontrovers diskutierte Artikel Schritt für Schritt ausgehandelt werden und welche große Bedeutung subjektive Einflüsse und Machtstrukturen dabei haben. Dieses Buch ist insofern brisant, als Wikipedia heute über erheblichen Einfluss verfügt, seine Machtstrukturen jedoch intransparent sind. So gesehen ist „Wer definiert Wissen?“ ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg hin zu mehr Wikipedia-Transparenz.
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Quellen:

(1) Claus Fritzsche, „Medizin: Wikipedia auf dem Prüfstand. Qualität von Gesundheitsinformationen ist hoch, befriedigend und sehr niedrig.“, CAM Media.Watch, 11.01.2012
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(2) Dr. med. Hans Barop, „Wikipedia-Kritik: Neuraltherapie wird sachlich falsch und tendenziös dargestellt“, Neuraltherapie.Blog, 01.02.2012
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(3) Dr. Marius Beyersdorff, „Wer definiert Wissen? Wissensaushandlungsprozesse bei kontrovers diskutierten Themen in ‚Wikipedia – die freie Enzyklopädie‘ – Eine Diskursanalyse am Beispiel der Homöoapthie“, Seite 34, Lit Verlag; Auflage: 1., Aufl. (23. November 2011)
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Themen: Neuraltherapie.Blog | 2 Kommentare »

2 Kommentare to “„Crashkurs Wikipedia“: Dr. Marius Beyersdorff erklärt, wie Wikipedia „funktioniert“ und teilweise von Interessengruppen missbraucht wird.”

  1. Machtstrukturen bei Wikipedia: Dr. Marius Beyersdorff und die Frage: „Wer definiert Wissen?“ (Buchvorstellung) | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    29th.Februar 2012 um 11:38

    [...] Sind Wikipedianer geniale Übermenschen ohne jeden Makel? Folgt man den Ausführungen des Buches „Wer definiert Wissen?“ von Dr. Marius Beyersdorff, so wird Wikipedia sehr wohl von mächtigen Insidern manipuliert und [...]

  2. Wikipedia, Agitprop und Nina Gerlach | H.Blog: Homöopathie & Forschung schreibt:
    13th.März 2012 um 10:07

    [...] NEU 2012: „Crashkurs Wikipedia“: Dr. Marius Beyersdorff erklärt, wie Wikipedia „funktioniert“ und tei… [...]

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