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Neuraltherapie bei Arthrose, eine effektive und schonende therapeutische Option. (→ Arthrosis deformans)

Von Imke Plischko | 19.Juni 2012


Arthrose bzw. „Arthrosis deformans“ ist eine typische Alterserkrankung. Der Begriff bezeichnet den Verschleiß von Gelenken. Mediziner sprechen auch von einer „degenerativen Gelenkerkrankung“. Arthrosepatienten sind in der Regel älter als 60 Jahre. Das hängt damit zuammen, dass unsere Gelenke mit zunehmendem Alter ganz automatisch abgenutzt werden. Von Arthrose können allerdings auch jüngere Patienten (1) betroffen sein. Arthrose kann verschiedene Ursachen haben, z. B. starke körperliche Belastung, Fehlbildungen der Gelenke (Dysplasie), Entzündungen oder eine genetische Veranlagung. Arthrose gehört zu jenen Erkrankungen einer hausärztlichen Praxis, bei denen die Neuraltherapie bereits mit einfachen Techniken sehr gute Erfolge zeigt, berichtet Dr. med. Stefan Weinschenk in seinem „Handbuch Neuraltherapie“ (→ Amazon). Auch in meiner Praxis berichten viele Patienten meist schon nach der ersten oder zweiten Behandlung über eine Besserung ihrer Beschwerden. Dabei gilt: Kein Patient gleicht dem anderen. Die Neuraltherapie ist zwar eine effektive, preiswerte und nebenwirkungsarme therapeutische Option. Sie ist jedoch kein Allheilmittel und wirkt umso besser, je früher im Verlauf einer Arthrose sie eingesetzt wird.

Foto: Röntgenbild eines Kniegelenks – © The Photos – Fotolia.com
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Vielfältige Erscheinungsformen

Die Symptome der Arthrose sind so vielfältig wie ihre Ursachen und Erscheinungsformen. Spüren Sie bei körperlicher Bewegung Schmerzen – insbesondere nach vorhergehender Ruhe – so kann dies auf eine degenerative Gelenkerkrankung hindeuten, muss es jedoch nicht. Auch Schwellungen und eine Schonhaltung sind mögliche Symptome, können jedoch auch andere Ursachen haben. Arthrose kann auch als Befund auf einem Röntgenbild erkennbar sein, ohne das Schmerzen verursacht werden. Umgekehrt kommen auch starke Schmerzen in Verbindung mit Bewegungseinschränkungen vor, ohne dass eine Computertomographie oder ein Röntgenbild organische Ursachen zeigt. Dann kann es sich um Schmerzen ohne Organbefund (2) handeln, die Dr. Peter Stiefelhagen (Chefarzt der Inneren Abteilung des DRK-Krankenhauses in Hachenburg) in einem zm-Beitrag sehr gut beschreibt. Diese haben absolut nichts mit „Einbildung“ zu tun und sind ernst zu nehmen, weil sie ein vollkommen reales Schmerzgeschehen beschreiben. An Gelenkverschleiß erinnernde Schmerzen ohne Organbefund sind geradezu prädestiniert für eine Behandlung mittels Neuraltherapie. Hier zeigen sich oftmals schnelle und verblüffende Erfolge. Kolleginnen und Kollegen, die hierzu Fachliteratur suchen, empfehle ich das im Haug-Verlag erschienene „Lehrbuch Integrative Schmerztherapie“ von Prof. Lorenz Fischer und Dr. med. Elmar T. Peuker.
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Wie aber lässt sich Arthrose effektiv – am liebsten auf der Grundlage gesicherter Erkenntnisse und leitlinienkonform – therapieren? Zunächst einmal gilt: Die beste Therapie der Arthrose ist die Prophylaxe. Hier geht es darum, die körperliche Belastungsfähigkeit zu stärken (beispielsweise durch gezielte Gymnastik), sich belastungsarm zu bewegen (z. B. Schwimmen, Radfahren), übermäßige Gelenkbelastungen zu verringern (sein Gewicht zu reduzieren), bei Bedarf orthopädische Hilfsmittel einzusetzen und sich ausgewogen zu ernähren. Hilft alles dies nicht weiter, so kommen in der konventionellen Medizin sog. konservative Therapieeinsätze oder im fortgeschrittenen Stadium einer Arthrose operative Behandlungsmethoden zum Einsatz. Ganzheitlich orientierte Ärzte setzten darüber hinaus – und zwar mit erstaunlichem Erfolg – die Neuraltherapie ein, um die es in diesem Blog geht.
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Konservative Therapie

Unter einer „konservativen Therapie“ verstehen Mediziner die Behandlung eines Krankheitszustandes mit Hilfe physikalischer Maßnahmen oder medikamentöser Therapien. Therapieverfahren zur konservativen Behandlung von Arthrosen sind z. B.

Physikalische Therapien: Wärme, Wasseranwendungen, Massage, Elektrotherapie etc.
Physiotherapie: Krankengymnastik
Schuhzurichtung: z. B. Schuhranderhöhungen und dämpfende Schuheinlagen bei Kniearthrose
Akupunktur: sogar Wikipedia, zu Medizinthemen keine lückenlos zuverlässige Quelle (3), berichtet von Studienergebnissen, die auf eine Wirksamkeit der Akupunktur bei arthrosebedingten chronischen Kniegelenkschmerzen hinweisen (4).
Medikamentöse Therapie: Analgetika unterdrücken die Schmerzsymptome, ohne jedoch die Krankheitsursache zu behandeln. Aus diesem Grund und wegen ihrer möglichen Nebenwirkungen sollten sie – wenn überhaupt – nur kurzfristig eingesetzt werden.
Placeboeffekte: In einer Studie zu Kniearthrose von Moseley et al. (NEJM, 2002, 347, 81) zeigten nur zum Schein durchgeführte Operationen den gleichen Effekt wie tatsächliche Operationen, bei denen das Kniegelenk abgeschabt und ausgespült wurde. Die gerac-Gonarthrose-Studie zeigte u.a., dass Scheinakupunktur zur Behandlung chronischer Schmerzen deutlich wirksamer ist als eine leitlinienkonforme Standardtherapie. Ein möglicher Grund: Bei Placeboeffekten handelt es sich um ein hochspezifisches physiologisches und neurobiologisches Geschehen, das laut Prof. Stefan Schmidt „der Wirkweise von pharmakologischen Interventionen in nichts nachsteht“ (5). Eine positive Erwartungshaltung kann die „körpereigene Apotheke“ somit erheblich stimulieren!
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Operative Behandlungsmethoden

Je weiter der Verschleiß von Gelenken fortgeschritten ist, um so größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass eine „konservative Therapie“ nicht mehr wirkt und eine operative Behandlungsmethode notwendig wird. In diese – meist als Ultima Ratio eingesetzte – Kategorie gehören z. B. :

Knorpeltransplantation: wie der Name schon sagt: Transplantation von (gesunden) Knorpelzellen
Arthroskopische Techniken: Behandlung des Gelenkknorpels unter Einsatz eines Endoskops
Endoprothese: künstlicher Gelenkersatz
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Die schon genannte Studie zu Kniearthrose von Moseley et al. sollte bei der Prüfung operativer Behandlungsmethoden im Hinterkopf behalten werden. Eine nur zum Schein durchgeführte Operation hatte den gleichen Effekt wie das Ausschaben und Ausspülen des Kniegelenks. Das kann damit zusammenhängen, dass a) Placeboeffekte therapeutisch wirken und b) Arthrose-typische Symptome nicht zwangsläufig eine organische Ursache haben müssen oder ausschließlich durch Knorpelverschleiß ausgelöst werden. Aus Sicht der Neuraltherapie können auch Störungen des vegetativen Nervensystems vorliegen. Siehe hierzu auch die Artikelserie „Warum Procain? Neuraltherapie und die Funktion des Lokalanästhetikums“ hier im Blog, die (unabhängig vom Befund Arthrose) wichtige einführende Grundlagen der Neuraltherapie erläutert.
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Neuraltherapie

Patienten, die in meiner Praxis erscheinen, haben – wie bei anderen Erkrankungen auch – oftmals schon eine Vielzahl an Therapien erfolglos ausprobiert , bevor sie zum Schluss bei der Neuraltherapie landen. Zur Therapie von Arthrose haben sie sowohl operative Verfahren als auch konservative Therapien wie beispielsweise Akupunktur oder Hyaluronsäure-Unterspritzung ausprobiert und keine nachhaltige Linderung ihrer Symptome erfahren.

Zu Beginn einer neuraltherapeutischen Behandlung von Arthrose-Symptomen kommen die Patienten zunächst wöchentlich, nach einer gewissen Zeit dann nur noch einige Male in längeren Intervallen. Manche Patienten kommen nur noch, „wenn sich das Gelenk wieder meldet“, andere profitieren von einem regelmäßigen monatlichen oder halbjährlichen Rhythmus. Eine neuraltherapeutische Behandlung von Arthrose-Symptomen ist damit so individuell wie die Patienten und ihre Erscheinungsformen der Arthrose.

Wie wirkt Neuraltherapie bei Arthrose? Die neuraltherapeutische Injektion eines Lokalanästhetikums wie z. B. Procain steigert die Durchblutung der betroffenen Körperregionen, d.h. die unterversorgte Region wird wieder mit notwendigem Sauerstoff, Mikronährstoffen, Spurenelementen etc. versorgt und Entzündungsparameter sowie Abbauprodukte etc. können abtransportiert werden. Bei Degenation sorgt speziell Procain für eine verbesserte Versorgung des Gelenkes. Der Körper kann organische Schäden so teilweise „reparieren“. Gewebe kann in Grenzen ausheilen. Der Teufelskreis aus Unterversorgung des Gewebes und Krankheitssymptomen wird gestoppt, Patienten werden schmerzresistenter. Starke Verschleißerscheinungen kann auch die Neuraltherapie nicht rückgängig machen. Es besteht jedoch die reale Chance, dass sie Schmerzen nachhaltig verringert.

Zeigt sich ein positiver und nachhaltiger therapeutischer Effekt, so reduziert dies den Medikamentenbedarf, entlastet das körperliche Entgiftungssysem und spart ganz nebenbei auch Kosten ein. Prof. Lorenz Fischer von der Universität Bern (KIKOM) vergleicht dieses Phänomen mit dem Leeren eines „Fasses“. In seinem Fachbuch „Neuraltherapie nach Huneke“ schreibt Fischer:

„Die Praxis zeigt, dass bereits mit einfachen neuraltherapeutischen Injektionen (vier bis fünf Sitzungen im Abstand von je einer Woche) beispielsweise bei einer Koxarthrose monatelange Schmerzremissionen erreicht werden können. Der Verbrauch von nicht steroidalen Antirheumatika sinkt bei diesen Patienten erheblich und damit auch das Auftreten von Nebenwirkungen.“ (6)

Wie gesagt: Die Neuraltherapie ist weder bei Arthrose noch bei anderen Indikationen ein Allheilmittel. Sie ist jedoch eine effektive, schonende und relativ kostengünstige therapeutische Option, die es wert ist, einmal ausprobiert zu werden. Ob sie Schmerzen reduziert, dass zeigt sich in der Regel schon nach relativ kurzer Zeit.
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Quellen:

(1) Arthrose: Den Verschleiß von Gelenken vorbeugen und aufhalten, Apotheken-Umschau, 16.02.2009, www.apotheken-umschau.de
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(2) Dr. Peter Stiefelhagen, Schmerzen ohne Organbefund – Doctorhopping begünstigt die Chronifizierung, zm 20/2004, Seite 60
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(3) Claus Fritzsche, Medizin: Wikipedia auf dem Prüfstand. Qualität von Gesundheitsinformationen ist hoch, befriedigend und sehr niedrig, CAM Media.Watch, 11.01.2012
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(4) Wikipedia-Artikel „Arthrose“, Gut belegteTherapieformen, Stand: 13.06.2012
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(5) Placeboeffekte in der Medizin: evidente hirnphysiologisch und hirnanatomisch lokalisierbare Prozesse. Interview mit Prof. Dr. Stefan Schmidt, Neuraltherapie.Blog, 05.06.2011
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(6) Prof. Dr. med. Lorenz Fischer, Neuraltherapie nach Huneke, Neurophysiologie, Injektionstechniken und Therapievorschläge, S. 162, Hippokrates Verlag, 3. überarbeitete Auflage, 2007
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