« | Home | »

Forschungslage Neuraltherapie: Interview mit Prof. Dr. med. Lorenz Fischer von der Universität Bern.

Von Neuraltherapie.Blog | 21.August 2012

Was motiviert einen Allgemeinmediziner, seine Praxis ausschließlich auf die Schmerz- und Neuraltherapie zu spezialisieren? „Mich fasziniert, wie sich über den Weg der Neuraltherapie die Neurophysiologie des Schmerzes weiter erforschen und erklären lässt und mit wie wenig Aufwand und praktisch ohne Nebenwirkungen oft lang anhaltende therapeutische Effekte erreicht werden können.“ Diese Worte stammen von Prof. Dr. med. Lorenz Fischer, der neben seiner Praxis die Neuraltherapie an der Universität Bern in einer Teilzeit-Dozentur lehrt und erforscht. Im folgenden Interview erläutert Prof. Fischer, welche Teile der Neuraltherapie Bestandteil der konventionellen Medizin sind und welche Teile zur Komplementärmedizin gehören.

x

Interview mit Prof. Lorenz Fischer:


Das Eidgenössische Departement des Innern veröffentlichte 2011 eine Meldung (1), wonach „Schmerzbehandlung mittels Injektionen von Lokalanästhetika (sog. lokale und segmentale Neuraltherapie)“ ohne zeitliche Einschränkung von der Schweizer Grundversicherung bezahlt werden und als „nicht zur Komplementärmedizin zugehörige Leistung“ beurteilt werden. Warum gehört die lokale und segmentale Neuraltherapie in der Schweiz jetzt zur sog. Schulmedizin?

Prof. Dr. med. Lorenz Fischer: Schon vor Jahrzehnten hat die Schulmedizin Verschiedenes von der Neuraltherapie übernommen – und zwar Teile der lokalen und segmentalen Neuraltherapie. Das ist ein starkes Indiz für die Wirksamkeit und Sicherheit der Neuraltherapie. In der breiten Öffentlichkeit ist dies allerdings nicht aufgefallen, weil die konventionelle Medizin von einer diagnostischen und therapeutischen Lokalanästhesie im Rahmen der „Interventionellen Schmerztherapie“ spricht, also einen anderen Begriff benutzt.

Nehmen wir diagnostische und therapeutische Injektionen mit Lokalanästhetika in den Bereichen Sehnenansätze, Trigger-Punkte der Muskulatur, Nerven und Umschaltstellen der Nerven (sog. Ganglien) u.a., so ist Wesentliches der „Interventionellen Schmerztherapie“ im Bezug auf Indikationen und Injektionen in diesen Beispielen identisch mit der lokalen und segmentalen Neuraltherapie.

Das ist also nicht neu und auch nicht auf die Schweiz begrenzt: Wichtige Teile der lokalen und segmentalen Neuraltherapie werden weltweit unter dem Namen diagnostische und therapeutische Lokalanästhesie in allen Kliniken und Praxen angewendet, in denen Schmerzen spezialisiert behandelt werden.

Die große Stärke der Neuraltherapie (nach Huneke) ist die zusätzliche Möglichkeit, Injektionen nach neurophysiologischen Gesichtspunkten zu kombinieren und das sog. Störfeld in bestimmten Situationen mit einzubeziehen.
x

x
Gehört die Neuraltherapie somit zur konventionellen Medizin oder zur Komplementärmedizin?

Prof. Dr. med. Lorenz Fischer: Sowohl als auch. Das Störfeld-Konzept der Neuraltherapie gehört zur Komplementärmedizin. Das Meiste aus der lokalen und segmentalen Neuraltherapie gehört zur konventionellen Medizin.

Hierzu ein wichtiges Zitat aus Deutschland (2). Es stammt von Dr. Stebner, einem auf Arzneimittel- und Medizinrecht spezialisierten Rechtsanwalt:

„Maßstab für die Beurteilung, ob die konkrete Therapie mit Lokalanästhetika, wie auch immer sie bezeichnet wird, … ist das Wirtschaftlichkeitsgebot … Eine nach dem allgemein anerkannten Stand der medizinischen Erkenntnisse entsprechende Versorgung der Versicherten ist zu gewährleisten. Die Versorgung der Versicherten muss ausreichend und zweckmässig sein, darf das Maß des Notwendigen nicht übersteigen und muss in der fachlich gebotenen Qualität sowie wirtschaftlich erbracht werden.

Daran gemessen sind die Varianten der Lokalanästhesie unter den üblichen Bezeichnungen Lokal-Therapie, Segment-Therapie, Ganglien- und Nervenstamm-Anästhesie sowie intravasale Applikation Bestandteil schulmedizinischer Schmerztherapien und wirtschaftlich. Ihre Wirkweisen sind wissenschaftlich erklärbar und nachvollziehbar; ihre Wirksamkeit ist allgemein anerkannt. Sie sind deshalb als kassenüblich einzustufen.“
x

x
Können Sie nochmals kurz erklären, was mit dem Begriff „Neuraltherapie“ genau gemeint ist?

Prof. Dr. med. Lorenz Fischer: Neuraltherapie heißt stark vereinfacht: Diagnostik und Therapie von Erkrankungen (insbesondere Schmerzzustände) mittels Injektionen von Lokalanästhetika, d.h. mit lokalen Betäubungsmitteln. Es gibt folgende Arten:

1. Die lokale Therapie: Hier wird das lokale Betäubungsmittel direkt am Ort des Schmerzes oder der Funktionsstörung injiziert.

2. Die segmentale Therapie: Bei dieser Form der Neuraltherapie wird eine neuroanatomisch definierte Umgebung des Schmerzes oder der Funktionsstörung mitbehandelt.

3. Die Störfeldtherapie: Dieses diagnostische und therapeutische Konzept geht davon aus, dass entzündetes oder gereiztes Gewebe auch Schmerzen in Bereichen auslöst, zu denen keine direkte anatomische Verbindung besteht. So können z. B. chronisch entzündete Zähne Erkrankungen in weit entfernten Körperregionen auslösen.
x
x
Das zum Einsatz kommende Anästhetikum betäubt lokal. Diese nur wenige Minuten anhaltende lokale Betäubung ist jedoch nur ein Begleiteffekt. Welche Faktoren sind für die therapeutische Wirkung der Neuraltherapie verantwortlich?

Prof. Dr. med. Lorenz Fischer: Das Lokalanästhetikum unterbricht an verschiedenen Stellen eine Art „Teufelskreis“. Es beendet für kurze Zeit die Schmerzmeldung einer Körperregion. Danach kann sich die Schmerzverarbeitung neu organisieren. Im Idealfall tritt daraufhin ein langanhaltender therapeutischer Effekt ein: Der Schmerz lässt nach oder verschwindet sogar vollständig.

Sie können sich das im übertragenen Sinn wie das Reset bei einem PC vorstellen, der in einer Endlosschlaufe hängt und nicht mehr auf Befehle reagiert. In der Arbeitsweise des Nervensystems gibt es im Hinblick auf Schmerzen ähnliche Phänomene.

Nach der Injektion eines Lokalanästhetikums kann sich neben der Schmerzverarbeitung übrigens auch die Durchblutung neu organisieren. Zudem wirkt das Lokalanästhetikum hemmend bei Entzündungen, insbesondere bei solchen, die durch das Nervensystem verursacht werden. Als Folge der hier kurz angesprochenen Wirkmechanismen ist der therapeutische Effekt in der Regel weit länger anhaltend als die Dauer der lokalen Betäubung.

Viele Wirkmechanismen der Neuraltherapie sind demnach dank der modernen Schmerztheorien (Neurophysiologie) gut bekannt. Bis heute sind allerdings nicht alle Mechanismen restlos geklärt.
x

Foto: © nattstudio – Fotolia.com
x
Warum wird die Neuraltherapie inzwischen aus wissenschaftlicher Sicht als wirksam und zweckmäßig eingestuft?

Prof. Dr. med. Lorenz Fischer: Wir konnten im Rahmen unserer Forschung beispielsweise zeigen, dass sog. Grundversorger/Innen bzw. Hausärzte, welche die Neuraltherapie in ihr Praxiskonzept integriert haben, signifikant bessere Behandlungsergebnisse bei muskuloskelettalen Erkrankungen erzielen als die Grundversorger/Innen, welche nur konventionelle Methoden anwenden. Das ist ein starkes Indiz für die Wirksamkeit der Neuraltherapie. In der Neuraltherapie-Gruppe mussten zudem weniger Arbeitsunfähigkeiten verschrieben werden und es traten weniger Nebenwirkungen auf.

Hauptverantwortlich für die statistische Bearbeitung dieses großen Zahlenmaterials war Prof. Dr. André Busato vom Institut für Evaluative Forschung in der Orthopädischen Chirurgie der Universität Bern. Ich spreche hier von der Studie:

Mermod J, Fischer L, Staub L, Busato A. Patient satisfaction of primary care for musculoskeletal diseases: A comparison between Neural Therapy and conventional medicine. BMC Complementary and Alternative Medicine 2008, 8:33. http://www.biomedcentral.com/1472-6882/8/33

In einer weiteren Studie konnten wir bei 280 von Ärztinnen und Ärzten zur Neuraltherapie überwiesenen – auf konventionelle Maßnahmen therapieresistente – Schmerzpatienten folgendes dokumentieren:

Mit durchschnittlich lediglich neun Konsultationen in der Beobachtungsphase von einem Jahr erfuhren 78 Prozent dieser chronischen, zuvor noch therapieresistenten Schmerzpatienten eine Verbesserung oder gar Beschwerdefreiheit. Der Verbrauch an Schmerzmedikamenten sank ebenfalls dementsprechend.

Auch weitere von nicht neuraltherapeutischen Forschergruppen durchgeführte Studien zeigen die Wirksamkeit und Zweckmäßigkeit sowohl der lokalen und segmentalen Neuraltherapie als auch der Störfeldtherapie. Eine Zusammenfassung der Studienlage finden Sie in den Publikationen:

Fischer L. et al: Health Technology Assessment Neuraltherapie 2005 sowie Fischer L, Ludin S. et al: Antrag zuhanden Schweizerisches Bundesamt für Gesundheit, 2010).
x

x
Neuraltherapeutische Behandlungen sind nicht unbedingt kostengünstiger als konventionelle medizinische Behandlungen. Sie haben nur eine andere Kostenstruktur. Welchen Nutzen bietet die Neuraltherapie Patientinnen und Patienten?

Prof. Dr. med. Lorenz Fischer: Die uns vorliegenden Forschungsdaten zeigen, dass neuraltherapeutische Behandlungen insgesamt kostengünstiger sind als die untersuchten konventionellen medizinischen Behandlungen. Das vorliegende Datenmaterial erfordert jedoch eine differenzierte Betrachtung:

In einer weiteren Studie konnten wir zeigen, dass Grundversorger bzw. Hausärztinnen und Hausärzte, welche die Neuraltherapie in ihr Praxiskonzept integriert haben, schwerer und länger kranke Patienten behandeln als die vergleichbare Gruppe der konventionellen Grundversorger. Trotzdem fand sich keine Differenz der totalen Kosten pro Jahr und pro Patient.

Die direkten Konsultationskosten waren zwar in der Neuraltherapie-Gruppe höher, was durch komplexere und chronischere Fälle, interventionelle Maßnahmen und längere Konsultationsdauer zu erklären ist. Die Medikamentenkosten sind jedoch deutlich tiefer. Zudem mussten die Grundversorger mit integrierter Neuraltherapie auch in dieser Studie weniger Arbeitsunfähigkeiten verschreiben als die rein konventionellen Arztpraxen.

Eindrücklich ist auch die Auswertung der Zahlen des Konkordates der Schweizerischen Krankenkassen („SantéSuisse“). Wir verglichen in den Jahren 2000 bis 2008 die kumulierten Daten sämtlicher Grundversorger mit ausschließlich konventionell-medizinischen Therapien verglichen mit allen Grundversorgern, welche zusätzlich die Neuraltherapie integriert haben. Sowohl die Durchschnittskosten (Total) pro Jahr und pro Patient als auch die Medikamentenkosten pro Jahr und Patient waren bei den Grundversorgern mit Integration der Neuraltherapie eindeutig geringer. Zusammenfassend ist somit die Neuraltherapie kostengünstiger.

In einer Matrix können wir den Nutzen wie folgt darstellen:

Quelle: Fischer L., Ludin S. et al: Antrag zuhänden Schweizerisches Bundesamt für Gesundheit 2010
x
x
Eine 2009 veröffentliche wissenschaftliche Arbeit von Dr. med. M. Pfister und Ihnen (3) untersuchte neue Aspekte „neurogener Entzündungen“. Hier ist die Rede von „zum Teil neuen pathophysiologischen Erkenntnissen“. Was ist damit gemeint?

Prof. Dr. med. Lorenz Fischer: Dass bei einem bestimmten Krankheitsbild (sog. Sudeck = „Complex Regional Pain Syndrome“) die Kontroverse Fehlfunktion der Nerven versus primäre Entzündung aufgehoben werden kann, da die Nerven hier beides (auch die Entzündung) verursachen. Zudem beschrieben wir das Prinzip „kleine Ursache – große Wirkung“ anhand positiver Rückkoppelung („Teufelskreis“) im Schmerz- und Entzündungsgeschehen. Anhand von Fallbeispielen zeigten wir logische therapeutische Möglichkeiten der Durchbrechung dieses Teufelskreises.
x
x
Bei welchen Erkrankungen zeigt die Neuraltherapie große Erfolge? Wann sind die therapeutischen Effekte eher gering?

Prof. Dr. med. Lorenz Fischer: Die Neuraltherapie wirkt zu großen Teilen über das vegetative Nervensystem. Dieses spielt sowohl beim Schmerz- als auch beim Entzündungsgeschehen eine bedeutende Rolle.

Aus diesem Wirkmechanismus ergibt sich ein breites Spektrum an Indikationen bei akuten und chronischen Erkrankungen. So können neben Schmerzerkrankungen zum Teil auch funktionelle, entzündliche, immunologische und degenerative Erkrankungen behandelt werden.

Weniger gut behandelbar sind Krankheiten mit einem bedeutenden genetischen Anteil oder zum Beispiel Erkrankungen, bei denen in erster Linie der psychosoziale Hintergrund verantwortlich ist.
x

Foto: © ktsdesign – Fotolia.com
x
Sie hatten früher eine Praxis für Allgemeinmedizin, in der Sie auch neuraltherapeutisch arbeiteten. Seit einigen Jahren haben Sie sich in Ihrer Praxis nun ausschließlich auf die Schmerz- und Neuraltherapie spezialisiert. Zusätzlich lehren und erforschen Sie die Neuraltherapie an der Universität Bern im Rahmen einer Dozentur. Warum haben Sie sich so stark auf die Neuraltherapie spezialisiert?

Prof. Dr. med. Lorenz Fischer: Mich fasziniert, wie sich über den Weg der Neuraltherapie die Neurophysiologie des Schmerzes weiter erforschen und erklären lässt und mit wie wenig Aufwand und praktisch ohne Nebenwirkungen oft lang anhaltende therapeutische Effekte erreicht werden können.

In die neuraltherapeutische Praxis kommen viele Patientinnen und Patienten, die als therapieresistent gelten, weil sie auf eine konventionell-medizinische Therapie nicht mehr ansprechen. Kann ich diesen Menschen über den Weg der Neuraltherapie helfen (manche haben eine langjährige Odyssee des Leidens hinter sich), dann ist das ein sehr motivierendes Erlebnis. Zudem ist es eine Stärke der Neuraltherapie nach Huneke, dass die Therapie des „Störfeldes“ in bestimmten Situationen den therapeutischen Durchbruch bringen kann.

Meine Erfahrungen und Resultate sowohl in der Praxis als auch in der Forschung sind wiederum eine sichere Basis für meine Vorlesungen. Die Vorlesungen an der Universität Bern sind zum Teil obligatorisch für alle Studierenden und schließen auch Prüfungsfragen mit ein. Alles dies ist sehr motivierend und lässt sich realisieren, weil die Verantwortlichen für die Lehre an der Medizinischen Fakultät der Universität Bern ein hohes Maß an Offenheit zeigen.
x
x
Herr Fischer, vielen Dank für dieses interessante Interview.
x
x
(Das Interview führte Claus Fritzsche.)
x
x

Quellen:

(1) Änderungen bei medizinischen Leistungen, Analysen und Mitteln und Gegenständen beschlossen, Bundesamt für Gesundheit, 21.06.2011
x
(2) Die Störfeldtherapie können Ärzte nur über GOÄ abrechnen, Dr. jur. Frank A. Stebner, Ärzte Zeitung, 23.05.2007
x
(3) Die Behandlung des komplexen regionalen Schmerzsyndroms (CRPS) der oberen Extremität mit wiederholter  Lokalanästhesie des Ganglion stellatum, M. Pfister, L. Fischer,  Praxis 2009;98:247–57.
x
x
Home
x

Themen: Neuraltherapie.Blog | Kein Kommentar »

Kommentare