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Zur Arzneimittelsicherheit von Procain in der Neuraltherapie

Von Dr. med. J.D. Hahn-Godeffroy | 8.Dezember 2012


„Bei guter Kenntnis der Anatomie, der Injektionstechniken und bei Einhaltung der Höchstdosen handelt es sich um eine äußerst risikoarme Therapieform“, schreibt das Klinikum Essen-Mitte auf seiner Website zur Neuraltherapie mit Procain. Dabei ist unterstellt: reines Procain, keine „Mischspritzen“, keine Konservierungsstoffe. In der Schweiz ist die Neuraltherapie mit Procain seit 1. Juli 2011 Teil der von den Krankenkassen anerkannten Leistungen im Rahmen der medizinischen Grundversorgung. Das ist ein nachhaltiger Beleg für die Sicherheit der Neuraltherapie, die in der Schweiz hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und ihrer Nebenwirkungsarmut umfassend evaluiert wurde (1). Es wird höchste Zeit, mit Procain-Legenden aufzuräumen, die sich auf Beipack-Zetteln sowie im Internet hartnäckig halten, wie sich zeigen wird, ohne Substanz.

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Drei Legenden im Überblick

Wir haben es mit drei Legenden zu tun:

1. „Vorsicht: Gefahr der Paragruppenallergie“
in Wirklichkeit: theoretische Überlegungen ohne jede klinische Relevanz

2. „Vorsicht: hohes Allergierisiko“
in Wirklichkeit: Verwechslung einer gefäßerweiternden mit einer allergischen Reaktion

3. „Vorsicht: Anaphylaxie-Gefahr“
in Wirklichkeit: in 95% der Fälle Verwechslung mit einer vagovasalen, also durch Schmerz, Schreck und Angst vermittelten Reaktion
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Legende Nr. 1:

Zu den Risiken einer neuraltherapeutischen Behandlung mit Procain gehören laut Beipackzettel der Herstellerfirmen sogenannte Paragruppenallergien. Darunter versteht man hier offenbar allergische Reaktionen auf Procain dann, wenn der Patient bereits auf chemisch verwandte Stoffe allergisch reagiert (z.B. Sulfonamide, Parabene).

Folgende Fragen drängen sich auf:
1. Was ist eine Paragruppenallergie?
2. Gibt es dieses Phänomen bei Injektionen von Procain überhaupt?

Eigentlich ist schon seit 1993 bekannt – so publizierte ich damals – dass es sich bei der „Paragruppenallergie“ im Zusammenhang mit Procain in Wirklichkeit um einen wissenschaftlichen Irrtum handelt (2).

Ein amerikanischer Chemiker Namens Mayer entwickelte den Begriff „Paragruppenallergie“ anhand strukturanalytischer Überlegungen Anfang der 1950er Jahre. Er postulierte, dass Menschen, die auf Substanzen mit sog. paraständiger Benzolring-Substitution allergisch seien, auch auf andere paraständige Benzolring-Substanzen wie z.B. Procain allergisch reagieren müssten. Dies ist aber in Wirklichkeit nicht der Fall, zumindest nicht im Zusammenhang mit Procain. Und dennoch hat sich die Paragruppenallergie-Legende 60 Jahre lang gehalten, bis heute in den Procain-Beipackzetteln hat sie überlebt.

Vor 40 Jahren musste jeder Examenskandidat der Pharmakologie den Begriff Paragruppenallergie kennen, heute kommt in den modernen Lehrbüchern der Pharmakologie dieser Begriff gar nicht mehr vor.
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Aldrete und Johnson (1970): von einem Missverständnis zur Legende Nr. 2

Eine ebenfalls 1993 von mir publizierte Übersichtsarbeit der bis dato veröffentlichten Literatur kam zu dem Schluss: es gibt kein gehäuftes Allergie-Risiko unter Procain (2). Und es stellte sich auch heraus, warum Procain-Testquaddeln an der Haut so oft eine Rötung auslösten: weil Procain an der Haut gefäßerweiternd wirkt (die Durchblutung steigernd). Das wussten bereits die Autoren Mesnil de Rochemont und Hensel, deren Veröffentlichung von 1960 ich hatte ausgraben können (3). Die modernen US-Allergieforscher Aldrete und Johnson aber kannten die Publikation Mesnil/Hensel nicht.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte Urban & Fischer das „Handbuch Neuraltherapie“, herausgegeben von Dr. med. Stefan Weinschenk. Bei den Recherchen für dieses medizinische Fachbuch prüfte der Herausgeber nochmals die wissenschaftliche Literatur zur Allergenität von Procain und konnte meine Untersuchungsergebnisse von 1993 bestätigen (4).

Was war hier geschehen? Aldrete und Johnson entwickelten 1970 ein Testverfahren, mit dem sie eine Überempfindlichkeit gegenüber Lokalanästhetika überprüfen wollten. Sie injizierten Patienten dazu eine kleine Menge Procain bzw. Lidocain in die Haut und beobachteten, ob sich diese rötete oder nicht. Nach der intrakutanen Injektion von Lidocain bildete sich rund um die Einstichstelle oftmals ein blasser Hof, während sich bei Procain-Injektionen immer wieder ein roter Hof bildete. Aldrete und Johnson fehlinterpretierten diese Hautrötung nach Gabe von Procain als allergische Reaktion. Ihnen war nicht bekannt, was Mesnil de Rochemont und Hensel schon 1960 herausgefunden hatten: Procain wirkt gefäßdilatatorisch an der Haut (gefäßerweiternd, die Durchblutung steigernd), während Lidocain an der Haut gefäßkonstriktorisch (gefäßverengend, die Durchblutung hemmend) wirkt (5).

Verfärbt sich die Haut nach einer intrakutanen Procain-Injektion rötlich, so ist dies gewöhnlich eine Folge der – therapeutisch übrigens wichtigen – verstärkten Durchblutung. Aber keineswegs stellt diese Hautrötung einen Beleg für eine allergische Reaktion dar.

Aldrete und Johnsons falsch positives Procain-Testergebnis – ein Allergienachweis, der gar keiner war – fand Einzug in die internationale Fachliteratur und wurde über Jahrzehnte hinweg weiterverbreitet.
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Legende Nr. 3

Zur Vermeidung von Missverständnissen: es gibt vermutlich keinen Arzneistoff, auf dessen Einnahme ein menschlicher Organismus nicht allergisch reagieren könnte – bis hin zur Anaphylaxie.

Unter Anaphylaxie versteht man eine akute pathologische Reaktion des Immunsystems, begleitet von Hautreaktionen und Bronchospasmen bis hin zum anaphylaktischen Schock. Eine anaphylaktische Reaktion ist eine ausgesprochene Seltenheit, bei etwa 50 Prozent der Fälle wird sie ausgelöst durch Nahrungsmittel, in weiteren ca. 50 Prozent durch Medikamente. Hier spielen besonders die Beta-Laktam-Antibiotika sowie die nicht-steroidalen Antirheumatika Diclofenac, Aspirin und Ibuprofen (NSAR) eine Rolle (6). Eine anphylaktische Reaktion unter Procain ist dagegen extrem selten, nach Auskunft des Anaphylaxie-Allergie Centrums an der Charite Berlin sind ca. 95 Prozent der unter Lokalanästhetika gemeldeten Anaphylaxien in Wirklichkeit vagovasale Reaktionen durch Schmerz, Schreck und Angst.

Procain hat nicht nur ein viel geringeres Anaphylaxie-Risiko als die NSAR, es übertrifft diese freiverkäuflichen Pharmaka hinsichtlich seiner Arzneimittelsicherheit insgesamt um Längen.

Vergleich von Procain mit Aspirin

Durch nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), in erster Linie ASS, Diclofenac und Ibuprofen, versterben nach Untersuchungen der Boston University School of Medicine in den USA an gastrointestinalen Komplikationen (Magenblutungen) etwa 16.500 Menschen jährlich. In Deutschland dürften es hochgerechnet etwa 1.500 sein (7). Über eine etwaige Komplikationsdichte des Arzneistoffs Procain sind keine Publikationen bekannt.

Verwechslung von Procain mit Kokain

Der aus Hamburg stammende Naturstoff-Chemiker Einhorn hat seinem berühmtesten Baby bei der Namensgebung nichts Gutes getan: er benannte sein im Jahre 1904 aus dem Vitamin Folsäure semisynthetisch hergestelltes Lokalanästhetikum Novocain – in Abgrenzung zu dem Lokalanästhetikum Kokain. Später wurde aus Novocain das Generikum Procain.

Kokain, das einzige Lokalanästhetikum, das damals zur Verfügung stand, war gefürchtet wegen seiner Herz-Kreislauf-Nebenwirkungen, seiner Begleitentzündungen und seiner Suchteigenschaften.

Wegen seiner zu kurzen Wirkdauer ist Procain für die Lokalanästhesie schon seit Jahrzehnten veraltet. Der Versuch, durch Adrenalin-Beimischungen die Wirkdauer zu verlängern, war die Ursache für gelegentliche Komplikationen infolge der Toxizität von Adrenalin (10).

Reinem Procain fehlen diese Nebenerscheinungen. Im Gegenteil: Procain wirkt gefäßerweiternd, anti-entzündlich und, wie man heute weiß, reharmonisierend am limbischen System des Gehirns. (8) (9).
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Erfahrungsbericht aus zwei Hamburger Arztpraxen

Mein Kollege Hans Barop und ich verwenden in unserer auf Neuraltherapie spezialisierten Praxisgemeinschaft seit über 25 Jahren ausschließlich Procain. In der Praxis Dr. Hans Barop wurden zwischen dem 1. Februar 1999 und dem 31. Juli 2011 exakt 72.776 Behandlungssitzungen gezählt.

In einer retrogeraden Aufarbeitung unserer Apotheken-Belege stellten wir fest, dass wir in den letzten ca. 25 Jahren zusammen rund 500.000 Ampullen Procain HCL a 5,ml 1% verwendet haben – ohne eine einzige allergische Reaktion von „klinischer Relevanz“, also verbunden mit einer notwendigen antiallergischen Therapie. (7)
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Fazit:

Alle drei Procain-Legenden sind widerlegt. Procain ist ein Arzneistoff von ungewöhnlich hoher Verträglichkeit, von ungewöhnlich hoher Nebenwirkungsarmut. Professor Lorenz Fischer, Universität Bern, benennt Procain als „praktisch nebenwirkungsfrei“ (11).
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Quellen:

(1) Schweiz Krankenversich. Gesetz, Kapitel 2.3 Neurologie und Schmerztherapie und Anästhesie in: KLV Anhang 1

(2) Hahn-Godeffroy, J.D.: Procain in der Neuraltherapie nach Huneke. Literaturüberblick und zusammenfassende Bewertung. In: Der Allgemeinarzt 1993; 14:876-883

(3) Du Mensil de Rochemont W., Hensel H. Messung der Hautdurchblutung am Menschen bei Einwirkung verschiedener Lokalanästhetika. Naunyn-Schmiedebergs Arch. Exp. Path. Pharmak. 239; 464-474 (1960)

(4) Gold-Szklarski, K. und Weinschenk, St.: Procain oder Lidocain? Die Verwendung von ester- oder amidstrukturierten Lokalanästhetika. In: St. Weinschenk (ed): Handbuch Neuraltherapie. Diagnostik und Therapie mit Lokalanästhetika. Urban & Fischer, München 2010, S. 103-111.

(5) Aldrete J.A, Johnson, D.A Evaluation of intracutaneous testing for investigation of allergy to local anesthetic agents. Anesth. Analg. 49: 173-183 (1970)

(6) Auskunft 21.11.2012 Prof. Dr. med. Margitta Worms, Charite Berlin

(7) Hahn-Godeffroy, J.D., Barop, H.: Zur Arzneimittelsicherheit von Procain. In: DT. ZTSCHR. F. AKUPUNKTUR 54, 4/2011, 28-29

(8) Hahn-Godeffroy, J.D. Wirkungen und Nebenwirkungen von Procain : Was ist gesichert? Komplement. Integr. Med. 02/2007: 32-34

(9) Hahn-Godeffroy, J.D. Procain-Reset: Ein Therapiekonzept zur Behandlung chronischer Erkrankungen. In: Schweiz. Z. Ganzheitsmed. 2011; 23:291-296

(10) Killian, H.: Spezifische und unspezifische Komplikationen und ihre Therapie, 207-253. In: Lokalanästhesie und Lokalanästhetika zu operativen, diagnostischen und therapeutischen Zwecken , hrsg. H. Killian, H. Auberger, J. Büchi, R. Muschaweck, H. Nolte, W. Thorban, H. Zipf, 207-253, Thieme, Stuttgart 1973

(11) Fischer, L. Neuraltherapie. In: Baron R., Koppert W., Strumpf, M., Willweber-Stumpf, A. (Hrsg.): Praktische Schmerztherapie, 2. Akt. U. erw. Aufl., Springer, Berlin – Heidelberg – New York 2011
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Über den Autor:

Dr. med. J.D. Hahn-Godeffroy ist Facharzt für Innere Medizin, Facharzt für Pharmakologie und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Internationalen Gesellschaft für Neuraltherapie nach Huneke (IGNH) e.V.
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Link zum Thema:

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Dr. med. J.D. Hahn-Godeffroy, Procain in der Neuraltherapie nach Huneke, Literaturüberblick und zusammenfassende Bewertung, Der Allgemeinarzt, 15. Jg., 14/93, S. 876-883

Hahn-Godeffroy, J.D., Barop, H., Zur Arzneimittelsicherheit von Procain, Deutsche Zeitschrift für Akupunktur, 54, 4/2011, 28-29

Hahn-Godeffroy, J.D., Procain Reset – Ein Therapiekonzept zur Behandlung chronischer Erkrankungen, Schweizerische Zeitschrift für Ganzheitsmedizin / Swiss Journal of Integrative Medicine, S. Karger, Basel 2011; 23; 291-296
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